Raue Küsten, sanfte Highlands

geschrieben am 07.10.2014, von Hymer Hymer

Es ist meine erste Reise nach Schottland. Viele Bilder schießen mir durch den Kopf. Ob es die Abenteuer des jungen David Balfour waren, der Kultfilm Highlander oder die Fahrt von Harry Potter mit dem Hogwarts-Express durch die Highlands – immer wieder faszinierten mich die raue Natur, die unheimlichen Castles, die endlose Weite und Kargheit der Landschaft.

Davon ist nach der Landung in Edinburgh nichts zu spüren. Geschäftig geht es rund um Schottlands Hauptstadt zu. Im Rechtslenker taste ich mich auf der linken Spur vorsichtig durch einen Kreisel, um vom Flughafen auf die M 8 zu gelangen. Es geht westwärts. Nach gut einer Stunde taucht Glasgow auf. Früher hätte man die Industriestadt am River Clyde links liegen lassen, aber die junge City hat sich gemausert. Das quirlige Treiben dieser im Wandel begriffenen Metropole steckt an. Und so mische ich mich nach Ankunft im Hotel in das Gewimmel zwischen Buchanan Street und Central Station, ein Bahnhof, so imposant wie eine Kathe-drale. Nicht weit von hier auf der Renfield Street befindet sich die Cup Tea Lounge. Eine gute Adresse, um bei Tee und einer großen Auswahl täglich frisch gebackener Cupcakes einen entspannten Nachmittag zu verbringen.

Am nächsten Morgen treffe ich Reiseführer Kenny Hanley. Ein „nice guy“ und waschechter Schotte schon auf den ersten Blick. Er trägt den Kilt nicht nur an Feiertagen. Für ihn ist der Schottenrock im Karomuster Alltagskleidung. Er wird mich auf dem ersten Teil meiner Rundfahrt an die Westküste begleiten. Bereits das erste Ziel, das er ansteuert, lässt tief in seine schottische Seele blicken: Glengoyne, eine der besten Whisky-Brennereien des Landes. Dort, wo die Grenze zwischen den Highlands und den Lowlands verläuft, nähern wir uns dem weiß getünchten Backsteinbau, der die Destillerie beherbergt. Ein süßlicher Duft von Maische und Alkohol weht durch den Innenhof, als uns Arthur MacFarlane begrüßt, der uns in den nächsten zwei Stunden in die Geheimnisse der Zutaten und der Produktion des schottischen Nationalgetränks einweihen wird.

Whisky und Kilt sind Kult

Wir stehen im Innern vor fünf Meter hohen gewaltigen Bottichen, sog. Washbacks. Darin befinden sich 12.000 Liter Wasser mit gemalzter Gerste, lässt uns MacFarlane wissen. „Nach zweieinhalb Stunden bei 65 °C wird das Gemisch auf 86 °C erhitzt, und später werden noch
50 kg Hefe zugesetzt“, erklärt der Experte. Das sind schon die drei Zutaten eines echten „Single Malt“. Der Gärprozess dauert 56 Stunden, wobei erst Zucker und dann Alkohol entsteht. Über mehrfache Destillation wird schließlich hochprozentiger Whisky gewonnen, der seine Farbe und wesentliche Teile seines Geschmacks erst durch die Reifung im Fass erhält.


Eine der Brenn-blasen der Destillerie


Arthur MacFarlane von Glengoyne bei der Whiskey-Verkostung


Blick über den Loch Lomond

Nach der Führung geht es zur Verkostung. Natürlich sind wir gespannt auf das Ergebnis des fast alchimistisch anmutenden Prozesses des Whisky-Brennens. -Single Malts mit unterschiedlichem Reifungsalter werden uns gereicht. Fachkundig erläutert Experte MacFarlane die Besonderheiten jeder Probe: Geschmack, Geruch, Farbe, Körper, Abgang. Eine Landreise kann nicht schöner beginnen als mit Gerste und Malz.

Tiefenentspannt setzen wir unsere Fahrt fort. Nächstes Ziel ist Loch Lomond. Loch ist das schottisch-gälische Wort für See. Und davon gibt es in dieser Gegend reichlich viele. Loch Lomond – inmitten des gleichnamigen Nationalparks – ist allerdings der Größte, sogar der größte See Schottlands. Eingerahmt wird er von weiten Waldgebieten wie dem Argyll Forest im Westen und den Trossachs im Osten. Ein Paradies für Wanderer.

Vor Balmaha erreichen wir das ruhige Ostufer am südlichen Ende des Sees. Gleich am Wasser liegt das Gasthaus und Landhotel The Oak Tree Inn. Es ist früher Nachmittag. Kenny meint, es ist die richtige Zeit und der richtige Ort für mich, Bekanntschaft mit dem berühmten schottischen Nationalgericht zu machen: Haggis. Denn hier im Oak Tree Inn soll es besonders lecker sein. Womit er recht
hat. Auch wenn es nicht gerade appetitlich klingt: Haggis ist ein mit allen erdenklichen Innereien des Schafes wie Nieren, Leber, Lunge und Hirn gefüllter Schafsmagen. Das Ganze kommt dann mit Kartoffelpüree an einer kräftigen Whisky-Soße auf den Tisch. Einfach köstlich.

Mit einem kleinen Ausflugsboot fahre ich am Nachmittag hinüber nach Luss. Vorbei geht es an einigen verstreut liegenden Inseln, bevor das Schiff das West-ufer ansteuert. Das hübsche Örtchen hätte ich schnell durchschritten, wäre da nicht dieser unverkennbare Klang von Dudelsäcken im Hintergrund zu hören. Den Tönen folgend stoße ich auf eine größere Hochzeitsgesellschaft vor der alten Dorfkirche. Dazwischen das Brautpaar, dem gerade ein Ständchen gebracht wird.

Am nächsten Tag verlassen wir Loch Lomond in Richtung Oban. Je weiter wir nach Norden kommen, verwandeln sich die sanften Hügel in rauere Bergmassive. Es sind schon die ersten Ausläufer der Highlands.

Auf der weiteren Strecke fahren wir ein Stück entlang des Loch Awe und erblicken die recht gut erhaltene Burgruine von Kilchurn Castle, die sich auf der dunklen Wasseroberfläche spiegelt. Ein Bild, wie man sich Schottland vorstellt. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir die kleine Hafenstadt Oban. Das ehemalige Fischerdorf liegt in einer geschützten Bucht mit bewaldeten Hängen, an denen sich schmucke Häuschen aneinanderreihen. Unten im Hafen schaukeln Fischerboote und Yachten gleich neben den großen Fähren, die das Festland mit den Hebriden verbinden. Auch wir machen uns dahin auf: zur Insel Mull.

Vom Fährschiff aus schweift der Blick über die tiefgezogenen Buchten des Loch Linnhe. Am Horizont türmen sich die noch schneebedeckten Gipfel der Highlands auf. Nach der Ankunft auf Mull geht es nach Tobermory, dem Hauptort auf der Insel. Schon von Weitem leuchten die farbenfrohen Häuserfronten am malerischen Hafen, die einen willkommenen Kontrast zum mittlerweile regenverhangenen tiefgrauen Himmel bilden.

Beständig unbeständig

Der wärmende Golfstrom sorgt zwar für mildes Klima, aber auch für reichlich Regen. Eigentlich soll das Frühjahr die regenärmste Zeit hier an der Westküste sein. Als wir am Abend zum Hafen laufen, merken wir davon wenig. Der Regen prasselt nur so auf uns ein. Schnell rein ins Café Fish. Es ist zwar eng, laut und voll hier, aber urgemütlich. Und das Essen – Fisch und Meeresfrüchte – hervorragend. Danach noch in einen der gemütlichen Pubs eingekehrt, und das Wetter ist für einen Moment vergessen.


Weite und Einsamkeit auf der Insel Mull

Am Morgen danach hängen immer noch tiefe Wolken über der Bucht. Der Sturm, der in der Nacht für eine unheimliche Geräuschkulisse gesorgt hat, ist abgeflaut. Heute Vormittag steht eine Exkursion zu einem Seeadlerhorst an. Wir fahren entlang der menschenleeren Westküste in Richtung Balmeanach. Die Vegetation ist ebenso karg wie die Landschaft. Vom Wind bizarr geformte Birken säumen das Ufer. Von den schroffen Berghängen ergießen sich wilde Sturzbäche, die über Stock und Stein in die noch von der Nacht aufgewühlte See fließen. Einsamer und verlassener geht es nicht, denke ich, als wir eine kleine Steinbrücke überqueren und dahinter eine Einsiedelei auftaucht, die bestimmt mehr Schafe als Einwohner zählt. Von Weitem leuchtet rot die scheinbar einzige Verbindung zur Zivilisation: eine typisch britische Telefonzelle. Sie leuchtet auch deshalb, weil jetzt hin und wieder die Sonne durch die Wolkendecke blinzelt. Hinter der Ortschaft schlängelt sich die Straße hinauf in die Berge. Wir biegen in einen Waldweg ab, an dessen Ende der Ranger der Adler-Station, John Clare, schon auf uns wartet. Er führt uns zu einer versteckten Beobachtungsstation in der Nähe des Adlerhorsts. Von hier schauen wir durch zwei mächtige Fernrohre auf das etwa 150 Meter entfernte Nest und sehen, wie das Adlerweibchen die Jungen beschützt. Vom Wildhüter erfahren wir, dass der weißschwänzige Seeadler – mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,40 Meter einer der größten Vertreter seiner Art – seit drei Jahrzehnten hier wieder angesiedelt werden konnte. Obwohl wir länger ausharren, bekommen wir das Männchen nicht zu sehen. Ein Anflug des Königs der Lüfte wäre sicher spannend gewesen.

Duart Castle – der Ausguck von Mull

Wir nähern uns der letzten Station auf Mull: Duart Castle. Direkt an der Meerenge zwischen Mull und der gegenüberliegenden Insel Lismore gelegen, ragen die Mauern der prachtvollen Burg weithin sichtbar auf einer steilen Felsklippe empor. Duart Castle ist die älteste bewohnte Burg Schottlands und heute im Besitz der MacLeans, die das lange unbewohnte und verfallene Bauwerk im Jahre 1910 zurückerwarben, nachdem sie es mit all ihren Ländereien im 17. Jahrhundert verloren hatten. Heute wandeln Besucher durch die Verliese und restaurierten Festsäle bis hinauf zum Burgturm, der eine fantastische Aussicht bietet.


Farbenfrohe Fassaden am Hafen von Tobermory


Hoch über der Felsklippe thront Duart Castle.

Nicht so gute Aussichten verkündet der Wetterbericht: Ein Sturmtief soll die nächsten Tage über Schottland hinwegziehen. Kenny rät mir davon ab, weiter in die Highlands zu fahren. Ein wenig enttäuscht, aber einsichtig ändere ich meine Tourenplanung. Es geht zurück nach Edinburgh.

Am nächsten Tag werde ich von der schottischen Hauptstadt in der Tat stürmisch begrüßt. Heftige Windböen begleiten mich auf dem Weg zu Edinburghs wohl berühmtester Sehenswürdigkeit: Edinburgh Castle, das hoch über der Stadt auf dem Castle Rock thront.

Der Rundgang führt mich durch den Royal Palace vorbei an den Schottischen Kronjuwelen und dem mit Legenden umrankten Stone of Scone, auf dem seit dem Mittelalter zunächst die schottischen, später die englischen Könige gekrönt wurden. Besonders imposant ist die um 1513 erbaute Great Hall. Über der noch im Original erhaltenen Holzdecke heult der Wind. Ich wage mich noch höher auf den Turm und werde belohnt mit einem grandiosen Rundblick über Edinburgh. Jetzt reißt auch der Himmel auf, und ich genieße die sonnigen Abschnitte.

Royale Meile

Hinter dem in einer Senke gelegenen Stadtpark erstreckt sich die prachtvolle Princes Street, wo sich Geschäfte und Kaufhäuser aneinanderreihen. Allerdings nur auf der Nordseite, denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite fällt der Hang gleich ab, und man wähnt sich auf einer Aussichtsterrasse – immer mit Blick auf die Altstadt, das Schloss und den Park.


Blick auf Edinburgh Castle


Das Eingangstor zu Holyrood Palace


Monumentale Grabmale auf Greyfriars Kirkyard

Mein Weg führt mich über die Royal Mile in den mittelalterlichen Teil von Edinburgh. Vorbei an der im gotischen Stil -erbauten St. Giles’ Cathedral aus dem
15. Jahrhundert, vorbei an den vielen originellen Pubs und geschäftigen Marktplätzen. Nach links und rechts zweigen steile Gassen ab. Einer folge ich und gelange zum Kirchhof Greyfriars Kirkyard südlich vom Grassmarket mit seinen monumentalen Grabmälern. Zurück auf der Royal Mile erwartet mich an deren Ende ein weiteres imposantes Schloss – Holyrood Palace, die offizielle Residenz der britischen Königin in Schottland. Es ist buchstäblich der krönende Abschluss einer beeindruckenden Reise. 

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