Mit dem Rad durchs Märchenland

geschrieben am 07.10.2014, von Hymer Hymer

Beinahe lautlos, nur vom Rauschen der Strömung begleitet, treibt der flache Kahn bei Kilometer 12 des Weser-Radwegs über den Fluss. Ein Generator an Bord erzeugt Strom für die Winden der beiden Drahtseile, mit denen der Bootsmann den Anstellwinkel der Fähre zur Fließrichtung des Wassers bestimmt – für Vortrieb sorgt dann ausschließlich die Kraft der jungen Weser. „Außerdem brauchen wir den Strom für unser Funkgerät, das reicht allerdings nur von der Flusskehre dort oben bis zur nächsten“, sagt der Schiffer. Die Gierseilfähre zwischen Veckerhagen und Hemeln ist eine umweltschonende Möglichkeit, im Zuckeltempo von rund 7 km/h die hier noch schmale Weser zu überqueren, preisgünstig für jeweils 50 Cent pro Mensch und Rad – eine der vielen Attraktionen am Rand dieser Fernradroute.

Der Weser-Radweg, rund 500 Kilometer lang zwischen Hannoversch Münden und Bremerhaven, zählt zu den drei beliebtesten Wegesystemen für Radler im ganzen Land. 150.000 Menschen, so schätzt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), strampeln alljährlich auf meist guten und ebenen Pisten an den Ufern des Flusses entlang. Unsere kleine Tour startet am südlichen Beginn der Fernroute in der romantischen Fachwerkstadt Hannoversch Münden, gleichzeitig Ursprungsort der Weser. „Wo Werra sich und Fulda küssen / Sie ihren Namen büßen müssen / Und hier entsteht durch diesen Kuss / Deutsch bis zum Meer der Weserfluss“, so ist es am Zusammenfluss von Werra und Fulda am Nordwestrand der Stadt auf dem 70 Zentner schweren Quarzit-Weserstein zu lesen – schöner kann man die Entstehung eines Stroms kaum beschreiben.

Hannoversch Münden mit seinen rund 24.000 Einwohnern ist ein Kleinod, das den ausgefeiltesten Zeitplan für eine Radtour durcheinanderbringen kann. Allzu gerne flaniert man einen Tag länger als geplant in den verwinkelten Gassen und Sträßchen des historischen Zentrums, in dem sommers eine fast mediterrane Leichtigkeit herrscht.


Grimms Märchenwelt begleitet den Radwanderer entlang der gesamten Strecke – hier ein kleines Stilleben beim „Dornröschenschloss“ Sababurg.


Ein Bild wie aus alten Tagen – schmucke Fachwerkbauten in Hannoversch Münden.

Fachwerk und Weser-Renaissance

Mehr als 700 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten, dazu Wehrtürme und Befestigungsanlagen, ein üppiges Renaissance-Rathaus und das mächtige Welfenschloss, Wasserkunst und urige Kneipen – genussvoll kann man in der Altstadt die Orientierung verlieren, um irgendwann immer wieder zuverlässig am Ufer der rauschenden Fulda oder der Werra zu landen. Wenn abends dann in den Fachwerkhäusern die Lichter angehen, entsteht eine ganz zauberhafte Atmosphäre.

Kein Wunder, dass aus allen Ecken der Stadt Geschichte und Geschichten wispern. Dreimal täglich ertönt das Glockenspiel am Giebel des historischen Rathauses mit dem Spottlied auf den wohl berühmtesten Wanderarzt der Barockzeit Doktor Eisenbart. Ein Stückchen weiter winkt im Café Aegidius ein gutes Stück Kuchen im mit roter Lehmfarbe gestrichenen Längsschiff der entwidmeten Aegidienkirche, mitsamt ihrem Originalgestühl ein Lokal der ganz besonderen Art. Vor dem ehemaligen Sakralbau befindet sich eine E-Bike-Ladestation: „Watt fürs Rad“. Vom Weserbergland bis Bremen ist dieser Radweg flächendeckend mit
E-Bike-Verleih- und Akkuwechsel-Stationen ausgerüstet, es gibt unterwegs -Mietboxen fürs Radgepäck, und zahlreiche Hotels und Pensionen haben abschließba-re Bereiche für den wertvollen Drahtesel.

Am nächsten Morgen geht die Fahrt dann endlich los, meist verläuft der Weg eben auf Flussniveau. Wir befahren den obersten Abschnitt der Radroute von Hannoversch Münden bis Höxter, ein romantisches Stück Weserbergland voll verwunschener Burgen und Schlösser, grüner Natur und uriger Städtchen. Eine märchenhafte Region ist das Weserbergland ohnehin. Vor 200 Jahren wurden hier die Hausmärchen der Gebrüder Grimm geschrieben, und es lockt die Deutsche Märchenstraße.

Gleich bei Kilometer 16 zum Beispiel, kurz hinter der Seilfähre Hemeln, steht rechts auf einer Anhöhe der alte, komplett umwucherte Turm der ehemaligen Bramburg. Eine 900 Meter lange Schotterpiste windet sich vom Radweg hoch durch dichten Mischwald zur einstigen Heimstadt der Riesentochter Brama, deren Schwestern Saba und Trendula über benachbarte Wehranlagen herrschten. Die drei lagen in erbittertem Zwist, Brama erblindete vom vielen Weinen darüber, Trendula erwürgte im Streit ihre Schwester Saba und wurde dafür vom Blitz getroffen – wer hier im stillen Wald zwischen dem satt wuchernden Grün steht, kann sich wohl einer leichten Gänsehaut kaum erwehren.

Ganz anders die Sababurg, einige Kilometer weit vom linken Weserufer im bergigen Landesinneren gelegen und auf jeden Fall einen Abstecher wert. Für Genuss-Radler tuckert der Bus Linie 190 vom Seilfähren-Ort Veckerhagen aus hi-nauf, in der Saison mit Anhänger für die Velos. Anno 1334 im Auftrag des Erzbischofs von Mainz als „Zappaborgck“ errichtet, diente das hübsche Anwesen den Brüdern Grimm als Vorbild für ihr Dornröschenschloss. Heute ist das stilvolle Gemäuer ein Romantik-Hotel, Gourmet-Restaurant, Ort stimmungsvoller Konzerte und Lesungen, nahebei liegt zudem ein Tierpark samt Forst- und Jagdmuseum. Kostümierte Schauspieler rezitieren Märchen in Versform, Verliebte treffen sich zum Turteln in Dornröschens Turmgemach oder geben sich sogar im hauseigenen Standesamt das Ja-Wort.


„Wo Werra sich und Fulda küssen“ – am Zusammenfluss dieser beiden Gewässer beginnt die Weser.

Mit dem Rad zum Skywalk

Zurück unten am Flusslauf, führt der Radweg via Oberweser und Gieselwerder mit der urigen Mühlenplatz-Miniaturausstellung und dem Schiffermuseum nach Bad Karlshafen. Die alte Barockstadt von 1699 eignet sich vorzüglich als Etappenziel, nicht zuletzt dank ihrer im südfranzösischen Stil erbauten Wesertherme samt Saunalandschaft, Außenbecken und Sole-Gradierwerk, wo die müde Radlermuskulatur wieder fit gemacht wird. Wer nun noch Puste genug hat, besichtigt das schöne Hugenottenmuseum und fährt dann hoch zum „Skywalk“, einem mutig aus den 75 Meter hohen Klippen ragenden Aussichtsbalkon, der atemberaubende Blicke über Bramwald und Weserschleife gewährt. Am nächsten Tag lockt uns ein weiterer Abstecher weg vom Weserlauf. In Bad Karlshafen beginnt der Diemelradweg, und der führt schnurstracks in ein weiteres Märchen hinein – nach Trendelburg, wo das wahrhaftige Rapunzelschloss auf einem Sandsteinfelsen hoch über dem Ort wartet. In der im Jahr 1303 erstmals erwähnten Burg Trendelburg lebt im gleichnamigen Hotel und Restaurant Grimms Märchenzauber weiter. 20 Meter lang hängt Rapunzels güldenes Haar, liebevoll von Trendelburger Landfrauen gewebt, vom Burgturm herab. Historische Rüstungen, antikes Mobiliar, schwere Gobelins und alte Gemälde versetzen den Gast in eine andere Zeit. Beim märchenhaften Rittermahl an großer Tafel reichen Mägde die Schweinshaxe mit dunkler Soße von Schwarzbier und Pumper-nickel, die Henkersmahlzeit endet mit Mäuseohr und Mitternachtskürbis. Schlafen im Himmelbett, entspannen in der Burgturm-Sauna – manch Radler ging hier für längere Zeit genussvoll verloren. Wer sich vom Märchen-
zauber losreißen kann und zum Weser-Radweg zurückfindet, wird schon 20  Kilo-meter weiter flussabwärts mit einem weiteren Bonbon belohnt. Hinter Beverungen mit dem historischen Cordt-Holstein-Haus leuchtet hoch über dem rechten Weserufer das schneeweiße Schloss Fürstenberg. Info-Tafeln weisen vom Flussufer hinauf, oben gibt es eine Akku-Wechsel- und -Ladestation für E-Bikes und ein kleines Restaurant zur Stärkung müder Pedal--
ritter. Highlight des denkmalgeschützten Schlosses im Stil der Weser-Renaissance aber ist das Museum der zweitältesten Porzellanmanufaktur Europas mit einer rund 10.000 Exponate umfassenden Sammlung. Für die Besucher gibt es eine Schauwerkstatt, Workshops und Malkurse.

Fürstlich entspannen

Weiter führt der Weser-Radweg nach Norden, durch die 30.000-Einwohner-Stadt Höxter mit ihrem Schiffsanleger und -historischen Zentrum bis zum Schloss Corvey, das kurz hinter Höxter über eine idyllische Eichen- und Platanenallee direkt am Flussufer erreicht wird. Schon von Weitem sind die Türme der barocken Kloster-, Schloss- und Museumsanlage zu sehen, eine hohe Mauer trennt das Areal zum Radweg hin ab. Die fürstliche Bibliothek, ein Schlossrestaurant und das Corveyer Weinhaus – leicht lassen sich auf dem ausgedehnten Areal viele schöne Stunden verbringen. Wer länger bleiben möchte, der findet am südöstlichen Ende der Mauer, direkt zu Weserufer und Radweg gelegen, eine Durchfahrt ins Innere der Anlage. Hier residiert im alten Gemäuer das Weser Aktivhotel Corvey, eine entspannte Unterkunft mit preiswerten Einzel- und Mehrbettzimmern, und auf der Zeltwiese kann man sogar gegen einen geringen Obolus campen. Kanutouren, Bogenschießen und vieles mehr stehen auf dem Aktiv-Programm. Oder man ruht einfach mal aus in klösterlicher Ruhe und fährt vielleicht in Gedanken weiter auf dem Fernradweg, über Hameln, vorbei an der Porta Westfalica bei Minden, durch die norddeutsche Tiefebene bis Bremerhaven, wo anstelle kleiner Seilfähren riesige Containerschiffe liegen und eine der schönsten Radrouten unseres Landes endet.


Mit Museum, Weinhaus, Aktivhotel und vielem mehr – das prächtige Schloss Corvey


Die romantische Trendelburg mit märchenhaftem Hotel und Restaurant liegt etwas abseits der Weser.


Sehr oft verläuft der Weser-Radweg ganz eben und direkt am Flussufer entlang, wie hier in Höxter – am Anleger wartet gerade ein Rundfahrtenschiff.

Informationen


Infozentrale Weser-Radweg
Teerhof 34, 28199 Bremen

Tel. 0421 - 59 80 800

www.weser-radweg.de

Hier bekommt man alles
Wissenswerte rund um den Weser-Radweg, etwa Karten, detaillierte Beschreibungen
zu Orten und Unterkünften.

Weserbergland Tourismus
Deisterallee 1, 31785 Hameln

Tel. 05151 - 93 00 0, www.weserradweg-info.de

Filme, Radler-Forum, Weser-Radweg-Pass und vieles mehr bietet die Website dieser Infozentrale. Es gibt auch telefonische Auskünfte sowie Prospekte per Post.


Service entlang der Strecke

Ob Fahrrad-Abstellanlage oder E-Bike-Ladestation,
wie hier in Hann.Münden: Die Serviceangebote am Weser-Radweg sind umfangreich.

Besuchstipp

Freilichtausstellung

In Gieselwerder bei Oberweser lockt auf einer Waldwiese die kleine Freilichtausstellung „Der Mühlenplatz“. In der liebevoll gestalteten Anlage stehen Wassermühlen, Burgen und Schlösser, Kirchen und Rathäuser – es sind Miniaturen von Bauwerken aus alter Zeit. In einer speziellen Abteilung sind Kirchen aus der Region zusammengestellt, eine andere zeigt historische Rathäuser. Ein besonderer Blickfang sind bekannte Höhenburgen, Wasserburgen und Schlossanlagen. Diese im Jahre 1969 aus einem Hobby heraus entstandene Anlage ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Von Jahr zu Jahr durch verschiedenste Modelle ergänzt und der Landschaft harmonisch angepasst, bietet sie eine sehenswerte Darstellung erhaltenswerter Bauten.

Mühlenplatz 10, 34399 Oberweser-Gieselwerder

Telefon: 0 55 72 / 15 10, www.mühlenplatz-gieselwerder.de

Öffnungszeiten: 1. 4. – 30. 9. tägl. 10 – 18 Uhr (1. – 15. 10. bis 17 Uhr)

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