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Schottland und Orkney – Eine Reise in die Vergangenheit

Outdoor und Sport
anita
von Dethleffs

Schottland und Orkney – Eine Reise in die Vergangenheit

Entdecken Sie die einzigartige Natur Schottlands hautnah. Und wie sollte das besser gehen als mit einem Reisemobil. Anhalten, wo es einem am besten gefällt. Übernachten in der freien Natur. Mehr Freiheit geht nicht. Andreas Neumeier hat genau dies getan und berichtet von seinem Schottland Erlebnis. Zum Nachahmen gut.

Mit dem Reisemobil durch Schottland und Orkney – Ein Bericht von Andreas Neumeier

Nach unserer Ankunft mit der Fähre im südenglischen Newcastle geht es mitten hinein in die Borders-Region, die England von Schottland trennt. Im wörtlichen Sinne sogar: Die Reste der Kaiser Hadrian erbaute „Schutzmauer“ gegen die ach so kriegerischen Pikten schält sich heute noch gut nachvollziehbar auf der gesamten Fahrt nach Carlisle aus dem englischen Ackerboden. Was würden die alten Römer wohl heute denken, wenn sie das wertvolle Baumaterial des 120 Kilometer langen, bis zu fünf Meter hohen und drei Meter dicken Sperrgürtels in vielen Farmen der Umgebung wieder finden würden? Wir schlagen einen Haken und überqueren auf einer schmalen Nebenstraße im Kershope Forest die offizielle Grenzlinie. Die spärlichen Anbindungen von England zum nördlichen Inselnachbarn haben lange Tradition. Es gab Zeiten, da wäre man sogar froh gewesen, wenn die Reisenden die Borders Region schnell wieder verlassen hätten. In der bewegten Geschichte der beiden Nachbarn wechselten hier einige Städte allein 13-mal ihren Besitzer. Spuren der Grenzlandkriege zwischen 1147 und 1482 findet man hier allerorten, dem romantisch-verklärten Bild vieler Poeten ist es zu verdanken, dass sich vor allem die mächtigen Ruinen der Kathedralen von Kelso, Jedburgh oder Melrose zu ausgesprochenen Besuchermagneten entwickelt haben. Uns hat es da eher das Hermitage Castle angetan, eine halbverfallene Burg aus dem 13. Jahrhundert und völlig abseits der Touristenpfade, die zu den atmosphärischsten und unheimlichsten des Landes zählt. Oberhalb eines Baches, der von knorrigen und wild bemoosten Bäumen flankiert wird, ragt der klotzige Bau mit seinen schmalen Fensterschlitzen imposant aus der Hügellandschaft. – www.mysteriousbritain.co.uk/scotland/roxburghshire...

Off-the-beaten-tracks bleiben wir auch in der Folge, auch wenn wir uns dabei bis nahe an den Dunstkreis der Metropole Glasgow begeben. Nur etwa 40 km südöstlich befindet sich die ehemalige Arbeitersiedlung rund um die Baumwollfabrik von New Lanark, die vor allem wegen der revolutionären gesellschaftlichen Konzepte einen Meilenstein für ganz Großbritannien setzte. Der Sozialist Robert Owen gründete hier 1785 eine Siedlung für seine Mühlenarbeiter und setzte sich für menschenwürdige Arbeitsumgebung mit kostenloser Schulbildung, medizinischer Versorgung und angemessenen Wohnungen ein. Heute ein UNESCO-Kulturerbe mit perfektem Besucherprogramm und beeindruckenden audiovisuellen Touren. – www.newlanark.org/deutsch/

Nach den Eindrücken des Lebens zur Zeit der Baumwollmanufakturen schafft das nächste Zwischenziel viel Luft zum Durchatmen: Die Isle of Skye, ohne Zweifel die romantischste und zugleich wildeste der Hebrideninseln. Die ganze Insel, zu der man bequem mittels einer modernen Brücke hinüberfahren kann, besteht aus Vulkangestein, das vor rund 70 Millionen Jahren aus dem Inselinneren geschleudert wurde. Skye war Schauplatz der dramatischen Abenteuer von Bonnie Prince Charlie, dessen legendäre Gestalt fester Bestandteil der Inselfolklore ist. Auf den Spuren des glücklosen Prinzen, der die Insel und das Land in spektakulärer Flucht bei Nacht und Nebel in Frauenkleidern für immer verlassen musste, kommen wir in den Ort Luib an Grianaig. Hier hatte bis vor wenigen Jahren ein altes Torfstecherhaus (crofter house) seine Tore für Besucher geöffnet mit einem Zimmer, in dem der Inselheld bei seiner Flucht Unterschlupf gefunden haben soll. Übrig sind davon nur noch die Außenmauern, das Dach ist bei einem Wintersturm eingestürzt. Doch Mike, auf dessen Grundstück die Ruine steht, ist froh, dass der Besucherrummel vorbei ist. Schließlich kann er sich so wieder voll und ganz seiner eigentlichen Arbeit widmen, der Schafzucht. Neben einigen stämmigen Schwarzkopfschafen zeigt er uns stolz einen greisen Vierhorn-Schafbock, mit dem er schon international Preise eingeheimst hat. Sorge um seine Schafe mache er sich keine, erzählt Mike, beispielsweise Füchse würde die Herde problemlos abwehren. Sorge müssten sich da schon eher Besucher mit frei laufenden Hunden machen, die von den teilweise gewaltigen Hörnern ebenso in die Flucht geschlagen würden.

Rund 8 km westlich von Skyes bekanntestem Hotel bei Sligachan erfolgt die Abzweigung zur Talisker Bay, die hier am Ende eines gewaltigen Eiszeittals liegt. Ein etwa ein Kilometer langer Fußweg führt von einer Parkmöglichkeit an einer Strassengabelung hinunter zum Meer mit kürbisgroßen Steinkieseln und einem 80 Meter hohen Wasserfall. Achten Sie auf dem Rückweg auf das Privatanwesen am Parkplatz auf eine private Pfauenzucht mit über 50 Exemplaren. Ein vergleichbares Spektakel findet man auch am nördlichen Ende von Skye auf der Halbinsel Waternish. Nahe dem Ort Dunvegan hat die Natur einen Korallenstrand (coral beach) geschaffen, dessen typische Kalkbäumchen von Sand und Meerwasser blank poliert wurden – und die unter jedem Schritt knirschen. Als idealer Ausgangspunkt zu Ausflügen und Wanderungen auf der Insel diente uns der schlichte Campingplatz von Sligachan mit Waschmaschine und Stromanschluss. Die Atmosphäre auf dem Platz gleicht einer großen Familie von Rucksacktouristen und Campern. Im 300 m entfernten Hotel stehen leckere Steaks auf der Speisekarte, wer nicht ausgelastet ist, kann sich im Nebenraum am Dartbord austoben. – Internet www.sligachan.co.uk/sligachan-campsite.php

Unser nächstes Etappenziel ist die schottische Nordküste, die wir dank eigener Motorisierung bequem entlang der landschaftlich grandiosen Westküste ansteuern. Die Straßen verjüngen sich hier oben zu single-track-roads, einspurigen Fahrbahnen mit sogenannten passing places (Wartebuchten), in die entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen können. Autofahren ist in diesem Teil des Landes ein besonderes Vergnügen: immer ein freundliches Winken, nicht selten ein kurzer Plausch mit dem Gegenüber – und schneller als 50 Stundenkilometer sollte man auf diesen Nebenstrassen sowieso nicht fahren, denn hinter jeder Kurve ist mit Hirschen, Schafen, Fasanen oder zumindest Kaninchen zu rechnen, die sich mitunter auf der Piste breit machen.

Ungleich lieblicher als die wilde Westküste präsentiert sich der Norden mit tief einschneidenden Lochs und einer Reihe von gewaltigen Sandstränden, die bei Ebbe Hunderte von Metern tief freigelegt werden. Zu einem langen Strandspaziergang lädt der traumhafte Dünenstrand Balnakeil Beach bei Durness ein. Ein Parkplatz liegt am Ende der Strasse bei den Überresten der Balnakeil Church aus dem 12. Jahrhundert mit ihrem verwilderten Friedhof, wo auch der berüchtigte „Rob Roy des Nordens“, der Räuber und 18-fache Mörder Donald MacLeod seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Wer die Gegend um Durness (z.B. die Wikingerhöhle Smoo Cave oder das stürmische Kap Wrath) ausgiebiger besichtigen will findet im Ort einen Campingplatz und einen guten Minimarkt. – Internet www.sangosands.com

Unsere Vorfreude auf das letzte Highlight unserer Tour wird beinahe jäh zerstört, als wir im Hafen von Scrabster erfahren, dass die Fähre zur Insel Orkney wegen des Vulkanausbruchs auf Island für die Evakuierung von Norwegern abgezogen wurde. Mit viel Überredungskunst ergattern wir den letzten Platz auf einer neuen Fähre der Pentland Ferries zwischen Gills Bay und dem kleinen Ort St. Margaret´s Hope auf Orkney. Noch dazu ist die nur etwa 90minütige Überfahrt deutlich günstiger. Trotz der geringen Entfernung scheinen die Orkneys meilenweit von Schottland entfernt. Kein Wunder, denn noch bis ins 17. Jahrhundert drückten die Wikinger der Insel ihren Stempel auf. Getrunken wird hier noch heute aus Hörnern, Flöte und Fiddel ersetzen die durchdringenden Dudelsacktöne und Kilts sind hier völlig unbekannt. Abseits der zerrütteten Küstenstreifen mit ihren kreischenden Vogelkolonien (ja, auch die drolligen Papageientaucher „Puffins“ gibt es hier) locken vor allem die vielen mystischen Stätten auf der Insel. Aus dem pulsierenden Hauptort Kirkwall geht es vorbei an der Bucht von Scapa Flow -wo sich fast die gesamte deutsche Kriegsflotte im ersten Weltkrieg selbst versenkte- und weiter zum Steinkreis Ring of Brodgar. Auch wenn von den ursprünglichen 60 Monolithen nur noch 36 sich gegen Wind und Wetter stemmen, das frei zugängliche Gelände hat zu jeder Tages- und Nachtzeit eine außergewöhnliche Atmosphäre. Mit großer Geste zeigen sie in den Himmel und sind doch für die Wissenschaftler ein großes Rätsel. Fast vollständig entschlüsselt ist dagegen das Leben der Menschen in den 5000 Jahre alten Erdwohnungen von Skara Brae, die das Meer frei gewaschen hat. Unglaublich, selbst Betten und Schminktische aus Stein gab es damals schon. Nicht zuletzt ein idealer Ort, um bei einem Fläschchen die Sonne ins Meer zu tauchen.

Infos und Tipps für Schottland und die Orkneys

Mit dem Auto gelangt man von zahlreichen Häfen auf dem europäischen Festland mehrmals täglich über den Kanal. Die Route von Ijmuiden (Holland) nach Newcastle mit DFDS Seaways erspart reichlich Kilometer bei der Anreise durch England.

Klima/Reisezeit: An der Westküste und auf den Inseln macht sich der warme Golfstrom bemerkbar, der mancherorts sogar die Aufzucht von Südfrüchten ermöglicht. Wer im Mai und Juni unterwegs ist hat hier bis spätnachts Licht, sommerliche Temperaturen mit Tagestemperaturen um kann man im Juli und August genießen. Die Wassertemperaturen steigen dabei kaum über 14 Grad.

Informationen vor Ort: Allgemeine Auskünfte zur jeweiligen Region, Wander- und Radtouren, zu Sehenswürdigkeiten und Stellplätzen erhalten Sie in jedem größeren Ort in den Tourist Information Centers. Trotz der zentralen Lage der „TIC“ im Ort findet man häufig auch gute Parkmöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung.

Literaturtipp: Reiseführer Schottland, Michael Müller Verlag, Erlangen. Geballte Infoquelle mit Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Wanderungen sowie Geschichte und Geschichten. Dazu zahlreiche Karten und aktuelle Preise.

Wohnmobilstellplätze: Touren in Großbritannien ist ein Stück Lebensart, dementsprechend häufig und gut ausgestattet sind auch die Caravanparks. Einige bieten darüber hinaus Einkaufsmöglichkeiten. Im Norden findet man öfter kleinere Plätze mit honesty box, wo man den Obulus für die Übernachtung in eine Metallbox einwirft. Die Preise für den Stellplatz mit Wohnmobil liegen bei etwa 15-20 Pfund.