• 4

Rentner auf Zeit – eine einjährige Wohnmobilreise durch Europa und Marokko

Outdoor und Sport
jurgen-1
von Hymer

Rentner auf Zeit – eine einjährige Wohnmobilreise durch Europa und Marokko

Reisereportage mit Text und Bildern von Alexandra Stocker

Rentner sein ist schon schön. Und zudem noch ein Wohnmobil besitzen, um einfach loszufahren, noch schöner! Wir – gerade mal um die Dreissig – träumen von dieser grenzenlosen Freiheit, dem Luxusgut Zeit und entscheiden uns relativ spontan, unseren Alltag mit Job, gesichertem Einkommen, Familie und Freuden sowie schöner Wohnung für ein Jahr zurück zu lassen. Reiseerprobt mit Rucksack und Zelt sind wir bestens. Wohnmobilerfahrung? Nein, die fehlt und noch. Aber was soll’s, wir kaufen uns so ein Ding und fahren kurze Zeit später für längere Zeit ins Ungewisse und ins Abenteuer verschiedener Länder…

Teil 1 - Wie alles begann

„Und, bist du bereit?“ Patrick schaut mich mit fragendem, unsicherem Blick an, beide Hände fest am Lenkrad. Ich werfe einen Blick zurück in das ungewohnt lange Gefährt, welches wir erst gerade seit ein paar Tagen unser neues Zuhause nennen können. Ein Anblick, der mir noch völlig fremd ist und bei welchem ich immer wieder über die Grösse des Raumes staune. Vor drei Tagen sind wir zum ersten Mal mit unserem Hymer Van gefahren und nun soll dies unser treuer Begleiter für längere Zeit werden. Ein seltsames Gefühl. Ich nicke: „Ok, gehen wir!“ Langsam rollen wir schweigend los und ich schlucke leer. Sind das Tränen des Glücks, der Ungewissheit oder des Abschieds, die mir in die Augen schiessen?

In Gedanken schweife ich zurück zu dem Tag, als alles begann – ein trüber, verschneiter und kalter Sonntag im November. Einer dieser Tage, wo einen das Fernweh überkommt. Zufällig fand ich eine alte Europakarte, die Patrick und ich auf dem Küchentisch auseinanderfalteten und in welche wir träumerisch versanken. Mit Stiften in den Händen malten wir Punkte auf die Destinationen, die uns reizten. Zwischen den Punkten entstanden Verbindungslinien und auf einmal präsentierte die Karte eine attraktive Route quer durch Europa. „Hey, das wäre doch echt eine Reise wert?“, meinte ich. Patrick war begeistert und unsere Ideen überrollten uns. Aufgeregt fingen wir an, Reisepläne zu schmieden und träumten davon, wie schön es wäre, die Linien auf der Karte mit einem eigenen Wohnmobil abzufahren.

Der trübe Sonntag verging, doch unsere Träumerei blieb und nahm sogar konkrete Gestalt an. Wir machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Camper, mussten aber bald einmal feststellen, dass die Auswahl an Occasionen unseres Ideals eingeschränkt war. Mit Glück und Geduld fanden wir dann schliesslich genau das, was wir uns vorstellten: Einen Hymer Van 512 – kompakt, klein und doch mit dem nötigen Komfort ausgestattet. Ohne gross zu überlegen schlossen wir den Kaufvertrag ab und schon waren wir stolze Womo-Besitzer. Über Winter liessen wir das Fahrzeug noch beim Händler stehen und erst gerade 3 Tage vor dem Aufbruch zur grossen Reise holten wir unseren „Kleinen“ ab.

Dazwischen folgte eine intensive Zeit mit Routenplanung, Versicherungsabschlüssen, Wohnungsabgabe, Job-Kündigung, Budgetplanung, Länder-Recherchen usw. Drei Tag vor Reisestart standen wir dann ohne Job, ohne Wohnung und nur mit der Autonummer für unser Gefährt in der Hand beim Wohnmobil-Händler.  Mit freudiger Aufregung lenkten wir unser neues Daheim zur ersten Ausfahrt und erst dann wurde mir bewusst, dass wir eigentlich einen ziemlich blauäugigen Kauf getätigt hatten ohne einzige Probefahrt, geschweige denn einer Probenacht! Als Wohnmobil-Greenhorns verliessen wir uns auf unser Gefühl und machten uns keine negativen Gedanken.

Das Wichtigste für unsere jährige Reise war schnell verstaut, die Bikes auf dem Fahrradträger festgezurrt und der Kühlschrank für die ersten Tage gefüllt. Und hier sitzen wir also mit dem Wissen, die Schweiz für ein Jahr lang nicht mehr zu betreten und rollen nordwärts ins Ungewisse. Während Patrick das Fahren sofort Spass macht, bereiten uns andere Tücken des Fahrzeugs anfangs einige Schwierigkeiten, Stirnrunzeln, peinliche Momente und heitere Szenen. Jedoch lernen wir unseren Camper schnell kennen und kommen zum Schluss, dass wir damit einen perfekten Kauf getätigt haben.

Wenn das so weiter regnet... und das ein Jahr lang...

Es ist Anfang Mai als wir quer durch Deutschland in Richtung Mecklenburgische Seenplatte fahren und das Frühlingswetter ist im Moment noch alles andere als Camper-freundlich. Morgen für Morgen werden wir vom Prasseln auf dem Dach geweckt und nicht selten schleicht sich der Neben um unser Wohnmobil. So haben wir uns den Start nicht vorgestellt! Wir trotzen dem harschen Wetter und erkunden mit Handschuhen und Mützen auf den Bikes die Ruhe der Seenregion. Auf schön angelegten Stellplätzen machen wir die ersten Bekanntschaften mit unseren Womo-Kollegen, denen wir im bevorstehenden Jahr zuhauf begegnen werden: Rentner mit teils sehr luxuriösen Wohnmobilen, die alle Zeit der Welt haben. Viele berichten uns mit Genugtuung, dass sie mehrere Wochen am Stück unterwegs wären. Wir lächeln dann zufrieden und antworten, dass wir gerade ein ganzes Reisejahr vor uns hätten – wir seien eben Rentner auf Zeit! Was erst ungläubige Blicke und die Frage nach der Finanzierung auslöst, endet schliesslich meist mit einem „ach, ihr habt ja so recht“!

Wir versuchen unser Wetterglück an der Ostsee und peilen Usedom und Rügen an. Ein paar Mal beweist uns die Sonne dass sie uns noch nicht vergessen hat, um dann wieder den Regenwolken Platz zu machen. Zum Glück ist Deutschland mit top Stellplätzen ausgestattet, so dass wir immer wieder ein gemütliches Plätzchen finden, um eine heisse Tasse Tee zu trinken und uns aufzuwärmen. Bevor wir Dänemark ansteuern, statten wir noch der deutschen Nordsee einen Besuch ab. Auf Nordstrand, nahe der dänischen Grenze, entdecken wir einen liebevoll geführten Campingplatz gleich hinter den Deichmauern zum Watt. Fasziniert von den enormen Gezeiten unternehmen wir lange Radtouren entlang der Deiche, wenn auch der kräftige Gegenwind uns oftmals fast aus dem Sattel zwängt. Wir ergeben uns den Stürmen, lassen die Bikes „zu Hause“ und stemmen uns zu Fuss gegen die Böen.

Der Wind begleitet uns weiterhin die dänische Küste Jütlands entlang – jedoch hält endlich der Frühling Einzug und die Sonne zeigt sich als treue Begleiterin. Nicht nur die endlos langen Nordseestrände laden zu langen Spaziergängen ein, auch das Landesinnere lock mit hübschen Örtchen und malerischen Hügel- und Seenlandschaften. Dänemark bietet riesige Campingplätze mit bester Ausstattung zwischen den Dünen und in Meeresnähe. Die Fischkutter legen in dieser Gegend  nicht in Häfen an, sondern werden in mühsamer, schweisstreibender Arbeit an den Sandstrand gezogen, wo sie dann wie gestrandete Wale liegen. Kaum an Land, wird an der Reling frischer Fisch angeboten, der ein wichtiger Bestandteil der Küstenküche ist. Wir besuchen in aller Früh eine grosse Fischauktion in den riesigen Kühlhallen von Ringkobing. Hier wird statt ein paar einzelne Fischchen über die Reling, tonnenweise frischer Fang feilgeboten. Die Atmosphäre erinnert eher an eine Börsenauktion mit nervösen Händlern an ihren i-Phones und Laptops zwischen den in Kühlboxen präsentierten Fischen.

In Skagen ist schliesslich der nördlichste Punkt Dänemarks erreicht. Eine sandige Landzunge streckt sich zwischen die zwei Meere Skaggerak und Kattegat aus und zeigt in die Richtung, wo es uns hinzieht, nämlich nach Norwegen. Doch zuerst statten wir Südschweden noch eine Visite ab und lassen uns bequem mit einer grossen Fähre von Frederikshavn nach Göteborg schippern. Die schwedische Stadt empfängt uns mit einem Freitag-Abend-Chaos und wir versuchen die Stadt so schnell wie möglich zurück zu lassen und begeben uns mit dem Strom der Städter raus in die Natur. Der gesamten Küste nördlich von Göteborg entlang hat uns die Natur wieder: Eine einmalig bezaubernde, zerklüftete Schärenküste breitet sich vor uns aus und wir geniessen milde Tage mit „Inselhopping“, Besichtigungen der verträumten Fischerdörfchen mit ihren roten Holzhäusern und sogar ein Sprung ins eisige Nass der Nordsee können wir uns nicht entgehen lassen.

Plattfuss in Lappland

Dass die Schweden ein Wohnmobil- und Outdoor-Volk sind zeigt sich uns nach kurzer Zeit: überall stehen an schönen Plätzchen Wohnmobile, während ihre Besitzer davor die Fischerruten auswerfen. Wir kommen mit zwei älteren schwedischen  Womo-Fahrern vor einem Supermarkt ins Gespräch und sie laden uns spontan zu ihrem Geheimplätzchen an einer vergessenen, idyllischen Bucht ein. Wir lernen viel über Schweden, erhalten wertvolle Geheimtipps und erfahren, dass in Skandinavien das „Jedermannsrecht“, welches den Menschen die respektvolle Nutzung der Natur erlaubt, auch wildes Campieren akzeptiere. Wir werden dieses Recht in den folgenden Wochen noch öfter schätzen, befinden sich doch die schönsten Plätze zum Übernachten an herrlichen Küsten, Seeufern oder in der Tundra. Ab jetzt sind wir praktisch nur noch autark unterwegs und begeben uns nur dann auf Campingplätze, wenn wieder einmal Waschen angesagt ist.

Für Norwegen haben wir uns knapp zwei Monate Zeit vorgenommen, da die Länge des Landes und die stark zerklüftete Küste nicht unterschätzt werden dürfen. Zudem bietet das Land eine riesige landschaftliche Vielfalt und unzählige Aktivitäten an der frischen Luft – ein Outdoor-Spielplatz ohne Grenzen! Sei es bei ausgedehnten Tundrawanderungen, gemütlichen Fahrten entlang der Fjorde, Biketouren durch die dichten Wälder der Telemark, auf dem Hurtigruten-Schiff, bei einem Glas Wein und Mitternachtssonne oder der Erkundung der bezaubernden Lofoten-Inseln. Die langen Sommertage mit einer Sonne, die sich selbst spätabends nicht hinter den Horizont verziehen möchte, tragen zum Wohlfühlen bei. Wir fühlen uns wie im Paradies und geniessen die scheinbar unendliche Zeit, die uns zur Verfügung steht.

Nur ein kleiner Zwischenfall bereitet uns für einen kurzen Moment lang Sorgen: Wir sind im mückenreichen Lappland und holpern schon seit einiger Zeit über eine üble Schotterpiste. Um das Geschirr machen wir uns grundlos Sorgen, jedoch gefällt uns am Abend das Zischen am Hinterreifen nicht allzu gut. Mitten in der Wildnis und Einsamkeit Lapplands können wir das jetzt nicht brauchen! Das Zischgeräusch verschwindet wieder und tags darauf haben wir den Eindruck, wir hätten keine Luft verloren. Trotzdem begleitet uns ein ungutes Gefühl und langsam rollen wir weiter, auf der Suche nach Zivilisation! Erst im weit entfernten Lakselv erspähen wir mit Erleichterung eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt. Und siehe da: da hat sich tatsächlich eine dicke Schraube im Reifen festgesetzt. Zum Glück sass sie so gut fest, dass kaum Luft ausweichen konnte. Noch einmal Glück gehabt!

Nur langsam nähern wir uns dem Eismeer und damit dem nördlichsten Punkt unserer Reise. Die karge Schönheit der Finnmark, welche wir auf einsamen Strassen an den Womo-Fenstern vorbeiziehen lassen, fasziniert uns immer wieder von Neuem. Der Polarkreis liegt längst hinter uns und damit auch die Dunkelheit der Nacht. Das Nordkap rückt näher. Wir entscheiden uns, diesen touristisch übervermarkteten Felsklotz links liegen zu lassen und uns stattdessen dem wenig bekannten, zweitnördlichsten Kap Europas, der Nordkinn Halbinsel,  zuzuwenden. Als wir unterwegs in einer kleinen Siedlung, die noch etwa 90 km vom Kap entfernt liegt, kurz stoppen kommt uns ein alter Einheimischer winkend entgegen. Er fragt uns, wo wir denn hin wollen. Wir nennen ihm unser Ziel und daraufhin antwortet er ganz stolz, dort sei er dann übrigens auch schon gewesen! Wir fragen uns, ob dieses Kap nun wirklich am Ende der Welt liegen mag, oder ob dieser alte Mann noch nicht weiter als bis zur Spitze seines Gemeindegebiets kam. Die neu asphaltierte Eismeerstrasse scheint uns tatsächlich alleine zu gehören, wären da nicht die Rentiere, die immer wieder unsere Fahrbahn kreuzen. Als man sich schon am Ende der Welt fühlt, taucht plötzlich ein buntes Städtchen auf – Mehamn. Wir stellen uns vor, wie sich das Leben in den kalten, dunkeln, windgepeitschten Wintermonaten hier abspielen mag und fahren weiter dem Ende der Welt entgegen. Ein Leuchtturm, ein leerer Kiesparkplatz und tausend Rentiere – wenn das nicht ein traumhafter Ort zum Bleiben ist! Die Mitternachtssonne scheint durchs Camper-Fenster und ein steifer Wind schaukelt uns in den Schlaf. Glücklich schliessen wir unsere Augen und fühlen uns Herr über unser eigenes „fast-Nordkap“.

Teil 2: Durch die baltischen Staaten

Die Gegend wird flacher, der Wald dichter und Seen dominieren das Landschaftsbild: wir haben Nordfinnland erreicht. Es ist Hochsommer und Ferienzeit, doch trotz einiger Wohnmobilisten verteilen sich die Touristen in der Weite des Nordens und es bleibt immer noch genug Raum für einsame Übernachtungsplätze. Wir erhalten für zwei Wochen Besuch und erforschen zu dritt die Wälder Finnlands. Immer wieder laden herrliche Seen zur Abkühlung und frische Blau- und Moltebeeren am Wegrand zum Verweilen ein. Der russischen Grenze entlang und durch wunderschöne Nationalparks fahren wir südwärts und freuen uns in Helsinki wieder einmal auf Stadtleben nach all der einsamen Natur.

Nach über zwei Monaten Skandinavien ist es Zeit für eine Fährfahrt über die Ostsee, um wortwörtlich neue Ufer zu betreten. Nach knapp drei Stunden werden wir Mitten in Tallin, der estischen Hautstadt, ausgespuckt. Der Stadtcampingplatz erscheint uns eher als Provisorium zwischen Messehallen, jedoch ist er zentrumsnah, so dass wir die Stadt gut zu Fuss erkunden können. Tallinn ist eine kleine, feine Perle mit verträumten Gässchen und schönen Gebäuden. Nach zwei Tagen Stadtleben lässt und die Neugier auf die baltischen Staaten weiter ziehen. Wir sind gespannt, was wir den Zuhausegebliebenen mit ihren Bedenken bezüglich Reisen im Osten, berichten können. Estland überrascht uns positiv. Zwar steckt die Infrastruktur für Wohnmobilisten noch in den Kinderschuhen und in ländlichen Regionen lassen sich kaum Campingplätze finden, jedoch stört sich niemand daran, wenn frei gestanden wird. Wir werden sogar von Einheimischen eingeladen, auf ihren Vorplätzen unser Nachtlager aufzustellen. Auch in den übrigen baltischen Staaten werden wir freundlich und mit viel Neugier empfangen. Es scheint uns, dass das Baltikum noch nicht die touristische Überstrapazierung erlitten hat und sich die Bevölkerung noch über die Gäste, die Interesse an ihren Ländern zeigen, freut.

Die Informationsbeschaffung zu ländlichen Gegenden gestaltet sich als schwierig, doch mit Geduld und Zeit, Gesprächen mit Einheimischen und etwas Intuition gelangen wir an die herrlichsten, vergessenen Ecken: Wir fühlen uns wie Robinson am einsamen Strand am nördlichsten Landstrich des Lahemaa Nationalparks, wandern auf Holzstegen über ausgedehnten Sumpfgebiete, lassen die Stille eines russisch-orthodoxen Klosters auf uns wirken und staunen über die endlose Wasserfläche des an Russland angrenzenden Peipsi Sees, welcher übrigens zu einem der grössten europäischen Seen zählt. Lettland empfängt uns mit weniger guten Strassen und lernt von Zeit zu Zeit unserem armen Camper das Fliegen. Wir durchstreifen den Gauja Nationalpark mit seiner malerischen Flusslandschaft, kaufen den Bauern frische Pilze ab, die vorzüglich schmecken und lassen uns durch die Hauptstadt Riga sowie das Sommerfrische-Örtchen Jurmala treiben. Bevor wir Lettland verlassen, lassen wir uns zu den Tarpan-Wildpferden führen und schlafen anschliessend mit Hufscharren im Hintergrund ein. Schliesslich rollen wir über die Grenze nach Litauen, welches uns sofort den Nationalstolz seiner Bewohner mit unzähligen Fahnen an allen möglichen Orten präsentiert. Ein echter Höhepunkt erleben Wohnmobilisten auf der Kurischen Nehrung, einem schmalen Sandstreifen, der sich in die Ostsee, in Richtung Kaliningrad, erstreckt. Beim Besteigen der Sanddünen fühlt man sich wie in der Wüste und die Womo-Plätze hinter den Dünen laden zum Verweilen ein. Auch das schmucke Städtchen Nida mit seinen bunt bemalten Holzhäusern und Schnitzereien lockt mit gemütlichen Cafés. Ein Stück Ursprünglichkeit erleben wir bei der Fahrt nach Polen, dem Nemunas Fluss entlang: Die Zeit scheint in den verschlafenen Flussdörfern still zu stehen und als Fremde werden wir von oben bis unten gemustert.

Bärenstarke Tatra

Ein Streik unserer Wasserpumpe zwingt uns, Polen etwas schneller zu durchqueren. Eine Ersatz-Pumpe haben wir leider nicht mit dabei (aber wenn das der einzige Greenhorn-Patzer ist, ist dies ja noch zu vertreten!). Also müssen wir nach Kraków, wo eine neue Pumpe auf uns warten wird. Trotzdem gönnen wir uns ein paar Tage in den Masuren, bevor wir uns durch das Gewühl des Grossstadtverkehrs von Warschau quälen. Das gesamte Strassennetz der Stadt scheint eine einzige Baustelle zu sein und es kostet uns einige Nerven, bis wir aus dem Gewusel wieder hinausfinden. Mit neuer Wasserpumpe und nach ausgiebiger Stadtbesichtigung von Kraków verbringen wir einige Tage in der hohen Tatra – erst auf polnischer, anschliessend auf slowakischer Seite des Gebirges. Das kleine Gebirge eignet sich bestens für Bergwanderungen durch eine ursprüngliche Natur. Dass wir sogar auf eine Braunbärenmutter mit zwei Jungtieren stossen würden, hätten wir in Polen wirklich nicht erwartet. Umso eindrücklicher ist diese Begegnung.

Die Tage werden kürzer und die Natur legt sich langsam in ihr Herbstkleid. Unsere ursprüngliche Route hätte uns nach Ungarn und weiter nach Rumänien geführt. Das herrliche Herbstwetter lockt uns jedoch weiter in die Berge uns so entscheiden wir uns spontan, den österreichischen Alpen einen Besuch abzustatten. Wir rollen von Ost nach West durch die schöne Gebirgswelt der Steiermark, des Salzkammerguts und Ost Tirols, übernachten auf einsamen Bergpässen und schnüren Tag für Tag die Wanderschuhe, um jegliche Gipfel zu erklimmen. Abends lassen wir uns in unserem gemütlichen Zuhause das Nachtessen schmecken, während unsere Heizung immer öfter in Betrieb genommen werden muss.

Die Sonne, welche uns schon während Monaten treu begleitet, lässt uns auch in den Dolomiten nicht im Stich. Der goldene Bergherbst hat inzwischen seinen Höhepunkt erreicht und wir können uns an den bunt verfärbten Lärchenwäldern, den hellen Felszacken mit ihren leicht bepuderten Schneekappen, nicht sattsehen. Die Südtiroler Gastfreundschaft trägt weiter dazu bei, dass wir es einfach nicht schaffen, die Berge hinter uns zu lassen um südwärts zu fahren. „Schau mal dieser schöne Morgen… komm, wir unternehmen noch eine Bergtour…“, klingt es jeden Tag nach dem Frühstück. Es ist bereits Mitte Oktober und die Nachttemperaturen ermahnen uns, dass der erste Schneefall auf den Pässen nicht mehr weit entfernt ist, und es Zeit wäre uns der Reise der Zugvögel anzuschliessen. Schliesslich lassen wir schweren Herzens die Dolomiten hinter uns und mit einem letzten Blick durch den Rückspiegel ins Gebirge nähern wir uns dem Meer. Für uns hat sich die spontane Routenänderung mehr als nur gelohnt, zumal uns die Berge nach den ebenen Ländern des Baltikums ein bisschen Heimatgefühl vermitteln konnten.

Neuland betreten – Albanien

Kaum noch in den Bergen, werden wir in Istrien vom mediterranen Flair, der Meeresbrise und immer noch angenehmen Temperaturen empfangen. Wir freuen uns auf Kroatien, welches sich touristisch gesehen bereits in den Winterschlaf gelegt hat. Für uns ist dies aber alles andere als nachteilhaft: die Strände sind leer, die Campingplätze geschlossen und wildes Campen wird toleriert und der Zauber der alten Städte lässt sich ohne Touristenströme geniessen. Die Inseln vor der Küste sind immer noch mit regelmässigen Fährverbindungen erreichbar und verströmen eine wohltuende Verträumtheit. Der November meint es gut mit uns und die milden Tage laden sogar noch zum Bad in der Adria ein.

Eines Morgens werden wir durch starke Windböen aus dem Schlaf gerissen. Die Windstösse gewinnen mehr und mehr an Kraft und wir lernen die gefürchtete Bora, ein starker Fallwind Kroatiens Steilküste entlang, kennen. Ans Weiterfahren ist nicht mehr zu denken, da die Bora sogar schon schwere Lastwagen von der Küstenstrasse ins Meer gepustet hat. Also bleibt uns nichts anderes übrig als uns dem Wind zu ergeben. Wir beschliessen ins Landesinnere zu fahren, wo sogleich der Sturm nachlässt. Den Abstecher zur mystisch-unwirklichen Seenlandschaft der Plitzwitzer Seen und zu den malerischen Krka Wasserfällen dürfen wir uns natürlich auf keinen Fall entgehen lassen. Zurück an der Küste treffen wir immer wieder auf Einheimische, die literweise Meerwasser in grosse Kanister füllen. Als wir sie fragen was sie damit vorhätten, erfahren wir, dass sich das stark salzige Meerwaser nach den Borastürmen perfekt zum Einlegen der frisch geernteten Oliven eigne.

Nach dem einfachen Reisen in Kroatien sind wir gespannt auf Montenegro und Albanien, sind dies doch eher aussergewöhnliche Reiseländer. Montenegro mit der wunderschönen Bucht von Kotor und dem gleichnamigen, ebenfalls empfehlenswerten Städtchen, wirkt wie eine vergessene Perle auf uns. Dieses Land hat bestimmt gute touristische Karten für die Zukunft. In Albanien werden wir schliesslich um Jahrzehnte zurückversetzt: Während die Hauptachsen in gutem Zustand sind, werden wir auf Nebenstrassen oftmals übel durchgeschüttelt. Das Land kann seine Armut und sein Abfallproblem nicht verbergen und es schmerzt zu sehen, wie solch ein schönes Land immer noch in so einem schlechten Zustand versucht vorwärts zu streben. Wir lassen unser Fahrzeug auch nicht gerne alleine stehen und schämen uns zum Teil fast ein bisschen, dieses luxuriöse Gefährt schauzufahren. Oftmals werden wir auf den Camper angesprochen und geben vor, wir hätten ihn ferienhalber gemietet. Es scheint uns unangemessen, diesen armen Menschen die wahre Geschichte zu erzählen. Was uns in Albanien jedoch positiv stimmt sind die freundlichen, interessierten Bewohner, die trotz Sprachbarrieren ihr bestes versuchen, mit uns zu kommunizieren.

Sommerflair im Winter

Ganz ehrlich: ein bisschen atmen wir schon auf, als wir uns der albanisch-griechischen Grenze nähern. Wir sind froh, dass wir die ruppigen Strassen und den gesetzlosen Verkehr zurücklassen können. Doch von wegen „jetzt kehrt Ruhe auf den Strassen ein“! Wer denkt, der griechische Verkehr fliesse zivilisierter dahin, täuscht sich sehr. Nirgends auf unserer Reise haben wir so unanständige Fingerzeichen und halsbrecherische Fahrmanöver gesehen wie in Hellas! Die Griechen haben wohl genügend Götter für den Strassenverkehr. Aber erst einmal noch zum Zollübertritt: Der albanische Zöllner versucht nach langem Mustern unserer Autonummer all seine Englischwörter zu sammeln. Wir verstehen nur so viel wie „Albania“ und etwas wie „goods“ und gehen davon aus, dass er wissen möchte, ob wir albanische Güter zu verzollen haben. Wir verneinen bestimmt und ernten einen entsetzten Blick. Hoppla, da haben wir wohl etwas falsch gemacht! Er fragt nochmals ganz bestürzt: „Albania no good?“, und wir verstehen endlich, dass er bloss wissen möchte, wie uns Albanien gefallen hat. Wir lachen und nicken „yes, yes… Albania very good“! Jetzt ist es zufrieden, lacht begeistert und lässt uns ziehen. Ach, Albanien hatte halt eben doch etwas Liebliches.

In Griechenland streben wir zügig südwärts zur Peloponnes-Halbinsel. Dort wollen wir uns so richtig Zeit lassen und uns nach über einem halben Jahr auf Achse ein bisschen „erholen“ und die Seele baumeln lassen. Der diesjährige Dezember mit aussergewöhnlich warmen Temperaturen und Dauersonnenschein könnte uns nicht besser gesonnen sein. Die Halbinsel scheint uns alleine zu gehören und wir übertreffen uns immer wieder selber mit noch schöneren, spektakuläreren und einfach umwerfenden Übernachtungsplätzen. Sei es am Meer oder in den Bergen – eine herrliche Ruhe liegt über dem Peloponnes und die Berichte von Kälte aus der Heimat lassen uns die Sprünge ins Meer noch intensiver geniessen.

Wir könnten es hier noch lange aushalten, doch bereits vor einiger Zeit haben wir die Fähre von Patras nach Ancona in Italien gebucht. So stehen wir an Weihnachten an der Reling - unser Camper im Bauch der Fähre - und verabschieden uns von Hellas. Italien empfängt uns mit einem kalten Winterwind. Uns bleibt gerade eine Woche, um den Stiefel von Ost nach West zu durchqueren, um dann in Genua die nächste Fähre in Richtung Afrika zu nehmen. Die paar Tage in Italien sind unser kurzer Winter dieses Jahres. Zwar scheint die Sonne häufig, doch die eisigen Temperaturen haben Mittelitalien fest im Griff. Wir fahren durch ein erstarrtes Umbrien im Winterschlaf, schlendern durch ein weihnachtlich verträumtes Assisi, durchqueren die Hügel der Toscana mit ihren gefrorenen, von Raureif überzogenen Feldern, erleben Siena im Winter und wandern dick eingepackt der Cinque Terre entlang. Es ist ein sehr spezielles Erlebnis, Italien im Winter zu bereisen und wir mögen diese stille, ruhige Atmosphäre. Was uns aber vor allem erstaunt sind die vielen Wohnmobile, denen wir unterwegs begegnen. Jeder Italiener der ein Womo besitzt, scheint über Weihnachten-Neujahr unterwegs zu sein. Endlich sind wir wieder einmal nicht mehr weit und breit die einzigen Wohnmobilisten!

Teil 3: Kreuzfahrt für Wohnmobilisten

In Genua heisst es für 2 Tage und 2 Nächte Abschied nehmen vom Camper und wir tauschen unser Zuhause gegen eine enge Innenkabine eines grossen Fährschiffes. Im Bauch der Fähre finden vor allem hunderte überladene Kleinbusse von marokkanischen Händlern Platz. Einige schaffen vor lauter Übergewicht die Rampe zur Fähre erst nach mehreren Anläufen! Die Zeit an Board vertreiben wir uns mit der Reisevorbereitung auf unsere nächste Destination, Marokko, und mit dem Erledigen der Zollformalitäten. Dies nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Marokkanische Zöllner und Polizisten sind mit an Board, so dass in der Board-Disco die Einreise bereits abgewickelt werden kann. Der Ablauf ist jedoch äusserst Chaotisch und bis alle Marokkaner ihre Einfuhren an Handelswaren deklariert haben und wir dran sind, ist die lange Mittelmeerfahrt auch schon fast zu Ende! Wir freuen uns auf festen Boden unter den Füssen und auf die herrlich warmen Temperaturen in Nordafrika.

Die ersten paar Tage in Marokko brauchen wir um uns langsam an die neue Kultur heranzutasten, das quirlig-chaotische Leben kennen zu lernen und die Verkehrsregeln, die nicht existieren, einigermassen zu verstehen. Marokko funktioniert schon ziemlich anders und es braucht ein bisschen Zeit, bis man sich zurechtfindet. Auch an die aufdringlichen Händler gewöhnen wir uns mit der Zeit und entdecken wirkungsvolle Methoden, um sie wieder abzuschütteln. Mit der Zeit spürt man, wem man trauen darf, und wer bloss ein Schlitzohr ist und kann so Land und Leben richtig geniessen. Wir besuchen alte Städte mit bunten Märkten, lassen uns der dünn besiedelten Atlantikküste entlang treiben, fahren in die Wüste bis wir nur noch vor Sanddünen stehen und gehen per Bike auf Entdeckungstouren durch abgelegene Atlas-Gebiete. Die Temperaturen sind sommerlich warm und dabei vergessen wir beinahe, dass es eigentlich Januar ist als wir uns auf einem hohen Atlas-Pass für die Nacht installieren. Selbst im trockenen Marokko kann es schneien… und wie! Über Nacht wird unser armer Camper in eine dicke Schnee- und Eishülle gewickelt und am nächsten Morgen ist die Tür eingefroren. Ans Weiterkommen ist bei diesen harschen Verhältnissen nicht zu denken und wir wundern uns darüber, dass die marokkanischen Taxis mit Sommerreifen immer noch über den Tiz’n Test Pass kurven – oder besser gesagt schlittern. Für uns heisst es abwarten und „thé à la mente“ trinken. Zum Glück zeigt sich bald wieder die Sonne und der Winter ist Schnee von gestern.

Marokko gefällt uns immer besser und wir fühlen uns wohl. Dies scheinen auch zahlreiche Franzosen, denn massenweise verbringen sie die Wintermonate mit ihren Wohnmobilen im Land. Die Marokkaner haben die touristische Chance längst erkannt und einfache Campingplätze aufgebaut. Meist handelt es sich um simple, aber sichere Plätze, die oftmals an idyllischen Örtchen gelegen sind. Nach zwei Monaten in Nordafrika lockt uns der langsam anrollende Frühling wieder zurück nach Europa. Von Tanger ist man im Nu in Algeciras, an Spaniens Südzipfel. Auf der Überfahrt winkt einem der Felsen von Gibraltar entgegen. Der Entscheid, Anfang März nach Südspanien und in die Algarve zu reisen war genau richtig: Es ist wunderbar warm, alles blüht und die Tourismusmassen sind noch weit entfernt. Die Algarve wirkt noch total verschlafen und verträumt, so dass man sich in Ruhe die imposanten Klippen anschauen kann. Wir sind überrascht, wie gut Portugal auch in ländlichen Gegenden mit Stellplätzen und Entsorgungsstationen auf Wohnmobilreisende vorbereitet ist.

Zwangspause in Lissabon

Kurz vor Lissabon haben wir zwei kleine Zwischenfälle. Zuerst wird unsere Wohnraumtür aufgebrochen. Zum Glück wird nichts gestohlen, doch die Tür lässt sich nicht mehr abschliessen. Also kümmern wir uns in Lissabon um die Reparatur des Schlosses. Gleichzeitig lassen wir unseren Motor überprüfen und stellen fest, dass bei der Pumpe etwas defekt ist und Öl ins Kühlwasser eintritt. Ersatzteile müssen bestellt werden und da die Transportfirma streikt, dauert die Anlieferung eine Weile. Somit sitzen wir ganze 10 Tage in Lissabon fest und warten. Zwar bietet die Stadt viel Interessantes, aber mit der Zeit wird es langweilig bei so herrlichem Wetter Daumen drehen zu müssen. Wir sind froh als mit unserem „Kleinen“ wieder alles in Ordnung ist und wir im Zickzack durch Portugal nordwärts ziehen dürfen. Die Ursprünglichkeit im Landesinneren, wo an steilen Hängen Reben für den berühmten Portwein kultiviert werden, ist ein krasser Gegensatz zu den Touristenhochburgen an der Küste der Algarve. Im Norden holt uns während mehrerer Tage eine Schlechtwetterfront ein und hält uns vor dem Wandervorhaben im höchsten Gebirgszug des Landes ab. Stattdessen widmen wir uns dem kulturellen Programm, besichtigen pompöse Wallfahrtskirchen und alte Städtchen.

Mit dem Grenzübertritt nach Galicien in Spaniens Nordwesten meldet sich die Sonne wieder zurück und begleitet uns von da an treu bis nach Hause. Aber so schnell geht es noch nicht heimwärts! Schliesslich haben wir noch über zwei Monate vor uns und die möchten wir noch in vollen Zügen geniessen. Galicien überrascht uns fast täglich aufs Neue. Dass es ein schöner Fleck Land sein könnte, dachten wir uns schon, aber dass es so umwerfend faszinierend sein würde wussten wir nicht. Da ist zum einen das stahlblaue, klare Wasser des Atlantiks, welches entweder in Buchten mit weissen Sandstränden ruht oder seine Brecher gegen die massiven Klippen schleudert. Zum anderen wartet eine vegetationsreiche Küstenlandschaft mit blühendem Ginster und duftenden Kräutern, betupft mit kleinen Örtchen die sich idyllisch verstreuen. Die Vorsaison gibt uns die Freiheit, nur die schönsten der schönen Plätze für unsere Übernachtungen auszusuchen. Wir sind viel zu Fuss und per Bike unterwegs und kommen so an die bezauberndsten Küstenabschnitte. Auf einer Galicien-Reise darf die Pilgerstadt Santiago di Compostela natürlich nicht fehlen und ein Abstecher zur unwirklich grossen Wallfahrtskirche lohnt sich sehr.

Galicien lässt sich wirklich fast nicht mehr toppen, doch trotzdem begeistert uns auch der weitere Küstenverlauf Spaniens Norden mit den saftig grünen Wiesen Asturiens und dem kleinen Gebirge „Picos de Europa“ in Kantabrien. Die Picos faszinieren vor allem mit ihrer Steilheit; gerade einmal 20 Kilometer von der Küste entfernt, ragen sie auf bis über 2‘600 m ü. M. auf. Wir stürmen die Gipfel, beobachten riesige Gamsherden und durchwandern tief einschneidende Schluchten. Das kleine Gebirge bietet auf kleinstem Raum eine unglaubliche Vielfalt.

Langsam heimwärts – aber wirklich nur langsam

Über die Ausläufer der westlichen Pyrenäen erreichen wir schliesslich Frankreich. Es wird uns langsam bewusst, dass wir uns der Heimat nähern und nur zögerlich treten wir den Rückweg an. Frankreichs Atlantikküste entlang finden wir immer wieder einen Grund, die Weiterreise etwas hinauszuzögern. Sei es im lebendigen Biarritz, das zum Flanieren einlädt, in den romantischen Städtchen oder beim Weindegustieren entlang der Dordogne. Die raue Schönheit der Bretagne mit dem enormen Gezeitenunterschied lädt sowieso zum Bleiben ein. Hinzu kommen wunderschön angelegte Stellplätze und freundliche französische Womo-Nachbarn die uns ins Muscheln sammeln und zubereiten einführen. Soll die Bretagne häufig wild und regnerisch sein, erleben wir sie in ihrer ganzen Pracht mit viel Sonnenschein. Wir scheinen wirklich Wetterglück zu haben!

Bevor wir uns von der Küste verabschieden, legen wir einen Stopp beim Mont St. Michel, dem Wahrzeichen der Normandie, ein. Der gigantische Felsklotz mit der riesigen Abtei erhebt sich majestätisch aus dem Meer oder bei Ebbe aus dem endlos erscheinenden Schlick des Meeresgrunds. Mit Faszination beobachten wir vom Aussichtspunkt der Abtei aus, wie nach Ebbe die Fluten rasch zurückkehren, die Priele füllen und das Land überschwemmen. Unglaublich eindrücklich! Wir sind an einem Tag bei dieser Sehenswürdigkeit, wo die Flut noch stärker ausfällt und sogar den Womo-Stellplatz überflutet. Aus diesem Grund dürfen wir uns auf eine grosse Schafweide stellen und werden von blökenden Nachbarn umzingelt.

Mit einem letzten Blick zurück aufs Wattenmeer lassen wir die wilde Natur Westfrankreichs zurück und stürzen uns ins Grossstadtgetümmel von Paris. Drei Tage lang lassen wir uns durch die Stadt treiben und fühlen uns auch wieder einmal als richtige Touristen, die mit dem Strom schwimmen. Der Pariser Stadtcamping liegt nicht weit vom Zentrum entfernt an der Seine und nach kurzer Busfahrt erreicht man die Hauptsehenswürdigkeiten.

Das Wetter zu schön, die französischen Märkte zu verlockend und die Landschaften zu attraktiv – wir schaffen es einfach nicht, auf direktem Weg in die Schweiz zurück zu kehren. Das Elsass hält uns noch einige Tage auf und auch im Schwarzwald verspüren wir wenig Heimwärtsdrang. Kommt dazu, dass nun im Juni gerade die schönste Camping-Zeit beginnt und wir überall Wohnmobilisten antreffen, die in Aufbruchsstimmung losziehen. Noch intensiver als sonst schon immer kosten wir unsere letzen Tage „on Tour“ aus, unternehmen lange Biketouren und lassen abends vor dem Camper unser letztes Jahr Revue passieren. Was wir alles gesehen und erlebt haben lässt sich nicht in Worte fassen. Genauso wenig wie die Dankbarkeit, die uns nach dem gelungenen Jahr erfüllt. Wir sind überglücklich, dass wir diesen Traum leben konnten, die Reise so reibungslos verlief und wir gesund auf dem Heimweg sind. Und doch… eine tiefe Melancholie begleitet uns, als wir an der Schweizer Grenze zum ersten Mal wieder einheimischen Boden betreten. Schweigend rollen wir über bekannte Strassen, das Navi-Gerät eingeschaltet. Als dieses aus dem Nichts auf einmal „drehen Sie wenn möglich um“ empfiehlt, müssen wir lachen. Wenn das nicht ein Zeichen war?!?

Und übrigens…
Nachdem wir zu Hause eingetroffen sind, holt uns die Alltagshektik bald einmal wieder ein. Das Wohnmobil ist ausgeräumt und geputzt, zum Verkauf bereit in den Wohnmobil-Fachzeitschriften ausgeschrieben und wir gehen wieder einem geregelten Leben nach, arbeiten viel und sehnen uns immer mal wieder nach unserem Camperbett zurück. Als wir das Wohnmobil-Magazin mit unserem Verkaufsinserat in den Händen halten, kommen uns fast die Tränen. Was haben wir da bloss gemacht? Ich bereue die Inserierung und hoffe still, dass sich niemand aufs Inserat melden wird.

Seither sind mehrere Monate vergangen. Das Inserat blieb erfolglos… oder vielleicht auch erfolgreich? Wir konnten keinen passenden Käufer finden und sind nun so richtig froh darüber. Unser treues Reisegefährt steht immer noch vor der Haustür und wartet darauf, bis es jeweils Freitag ist und es wieder fürs Wochenende los geht. Und wir haben etwas dazu gelernt: einen treuen Begleiter schiebt man nicht einfach so ab!

Informationen

Dauer der Reise: Knapp 13 Monate

Bereiste Länder: Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Österreich, Italien, Kroatien, Montenegro, Albanien, Griechenland, Marokko, Portugal, Spanien, Frankreich.

Reisefahrzeug: Hymer Van 512

Zurückgelegte Kilometer: ca. 30‘000 km

Klima/beste Reisezeit: Die nördlichen Länder wurden im Sommer (Mai – August) bereist. Dies lohnt sich nicht nur wegen dem Klima, sondern auch im Hinblick auf die langen Tage. Der Herbst eignete sich bestens fürs Wandern im Alpenraum und die Wintermonate (November – Februar) verbrachten wir in Südeuropa und Nordafrika. Dass wir sogar noch im Dezember im Meer baden werden, hätten wir nicht gedacht. Den Frühling verbrachten wir in Südwest-Europa wo uns stabiles Wetter erwartete. Für uns hat es sich sehr gelohnt, die touristisch stark besuchten Gegenden in der Nebensaison zu besuchen.

Reiseliteratur: Lonely Planet und Dumont Reiseführer der jeweiligen Länder sowie Wohnmobil spezifische Reisebücher, örtliches Prospektmaterial und verschiedene Strassenkarten.

Folgender Kartenausschnitt zeigt grob die Route der Reise:

Der Reiseblog zu unserer Reise