Finale Ligure Freeride

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Finale Ligure Freeride

Mit Hans & Co. auf Abwegen

Salvatore* hat es eilig. Das ist nicht zu übersehen. Als wären die horrenden italienischen Bußgelder eine Erfindung der deutschen Boulevardpresse, fährt unser Taxifahrer im Slalomkurs und mit Affenzahn  über die verstopfte Autobahn. Immer wieder muss er scharf bremsen, weil sich unkooperative Verkehrsteilnehmer an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, was er mit einem zischenden italienischen Schimpfwort kommentiert. Für diese wahnwitzige Fahrweise, die selbst für einen Italiener absurd ist, kann es nur zwei Erklärungen geben: entweder hat er einen zu intensiven Blick auf die Freundin von Giancarlo Fisichella geworfen, und dieser jagt nun mit einer Schrotflinte im Anschlag hinter ihm her, oder er hat einen Kratzer in dessen Formel 1 Wagen gemacht.

Leider spricht Salvatore weder Englisch noch Deutsch, und wir kein Italienisch, sodass wir seinen pantomimisch angereicherten Erklärungen lediglich entnehmen können, dass er noch dringend irgendwo hin muss. So sitzen mein Bruder Mitch und ich im Font des Wagens und hoffen darauf, dass dieser Höllentrip bald ein Ende hat. 1,5 Stunden braucht man gewöhnlich vom Flughafen in Nizza bis nach Finale Ligure, unserem Ziel. Salvatore schafft es in der Hälfte der Zeit. Als er mit quietschenden Reifen vor unserem Hotel hält, strahlt er über das ganze Gesicht. Wir purzeln aus dem Wagen und sprinten zum Kofferraum, um unser Gepäck und uns in Sicherheit zu bringen.

Eigentlich hätten wir uns nun eine ausgiebige Erholung verdient. Zum Erholen ist Finale Ligure geradezu perfekt. Seit langem ist der Ort an der ligurischen Küste ein beliebtes Urlaubsziel. Knapp 12.000 Einwohner verteilen sich auf die drei Ortschaften Finale Marina, Finalpia und Finalborgo. Finale Marina ist der größte der drei Orte - ein schöner Strand und eine pittoreske Altstadt mit vielen Cafes und Restaurants ziehen jedes Jahr zahlreiche Besucher an. Etwas beschaulicher geht es in Finalpia und Finalborgo zu, dafür versprühen die Ortschaften mittelalterliches Flair.

Finalborgo liegt etwa zwei Kilometer landeinwärts und ist umgeben von einer historischen Stadtmauer mit vier Stadttoren. Das milde Mittelmeerklima sorgt hier schon ab April für angenehme Temperaturen, dazu bietet Finale Ligure einen besonderen Charme: Man fühlt sich prompt in eine romantische Fernsehschmonzette der 60er Jahre versetzt.

Vespas rollen vorbei, altmodische Eisverkäufer bevölkern die Promenade, und am Strand ziehen die Giggolos den Bauch ein. Wir warten nur darauf, dass Vico Torriani zusammen mit Conny Froboess um die Ecke kommt. Die kommen aber nicht. Dafür aber eine äußerst illustre Mountainbiker-Gang, die uns abholen will, um mit uns die Trails rund um Finale auszuchecken. Anführer der Truppe ist Enrico von „Finale Ligure Freeride“. Er wird am heutigen Tag unser Guide sein. Zu mehreren Journalisten, unter ihnen der Fotograf Marco Toniolo, gesellt sich auch noch Trial-Legende Hans „No-Way“ Rey. Für uns ist es eine besondere Ehre, mit einem der bekanntesten Mountainbiker der Welt durch die Wälder zu düsen.

Unsere Räder werden auf einen Anhänger geladen, und ab geht es in die Berge, die Finale Ligure liebevoll in den Arm nehmen und umschließen. An einer ausgedienten Militärstation, 1.000 Meter über Null, setzt uns der Shuttle-Bus ab. Von hier starten verschiedene Routen, die alle in die gleiche Richtung weisen: bergab. Es ist ziemlich kühl hier oben, fast herbstliche Temperaturen, die Umgebung ist in einen gespenstischen Dunst gehüllt. Voller Vorfreude folgen wir Enrico in den Wald und werden nicht enttäuscht.
Der schulterbreite Singletrail ist beinahe geshapt wie ein Bobkanal. Kehre folgt um Kehre, steile Passagen wechseln sich mit schnellen, lang gezogenen Kurven ab; es ist ein fantastisches Gefühl, mit dem Trail zu verschmelzen, ihn zu erleben. Hier wurde wahrscheinlich das Wörtchen „Flow“ erfunden. Die Strecke ist technisch zwar nicht besonders anspruchsvoll, auch für Freeride-Novizen geeignet. Zum Warmfahren ist es geradezu ideal, und Laune macht es sowieso.

Eine gute halbe Stunde heizen wir durch den menschenleeren Wald, bis wir plötzlich auf eine Straße treffen. Und siehe da: dort wartet schon unser Shuttlebus, um uns wieder nach oben zu bringen. Das nenn ich mal perfekten Service. Schnell sind unsere Bikes wieder auf den Anhänger geladen und wir zu nächsten Startpunkt gebracht.

Die nächste Abfahrt ist schon etwas anspruchsvoller: Drops bis anderthalb Meter gilt es hier und dort zu meistern, Konzentration ist also angesagt. Hans Rey fährt mit bewundernswerter Souveränität und schlafwandlerischer Sicherheit die Trails bergab; fast scheint es, als würde er nicht im fernen Laguna Beach, sondern auf den Trails von Finale Ligure seine morgendliche Runde drehen. Tourguide Enrico, der in jungen Jahren ebenfalls aktiver Trialfahrer war, steht ihm allerdings in nichts nach. Wer glaubt, sich einfach an die Fersen der beiden hängen zu können, begeht einen Fehler. Hinter einer Spitzkehre geht es plötzlich im extremen Gefälle fast 20 Meter bergab. Am Ende wartet dann nicht nur ein zwei-Meter-Drop, sondern auch noch eine enge Kurve, die kaum Auslauf zulässt. Ohne zu zögern fahren Hans und Enrico diesen Teufelsweg hinab, als ob sie mal eben vor der Eisdiele halten. Der Rest der Truppe geht lieber auf Nummer sicher und rutscht zu Fuß den Hang hinunter. Wandern ist ja auch so gesund.

Das Mittagessen nehmen wir auf einer Hütte in den Bergen ein, Pizza und Pasta biegen die Tischplatte durch. Wir schlagen ordentlich zu, denn auch bergab fahren macht hungrig. Am Nachmittag schaffen wir das Kunststück, geschlagene drei Stunden nur bergab zu fahren. O.k., die ein oder andere Pause ist dabei, angesichts der atemberaubenden Ausblicke über Meer und Berge wäre alles andere aber auch eine Sünde. An ein paar Northshore-Trails halten wir erneut. Hans muss für den Fotografen einige Male über einen nur reifenbreiten Stamm fahren, bis das Fotos auf der Speicherkarte ist. Zum Schluss gelingt ihm sogar noch ein Nose-Wheelie auf dem schmalen Holz, was die darum gruppierte Meute mit anerkennendem Applaus honoriert.

Am Nachmittag erzählt mir Enrico, wie er Anfang der Neunziger Jahre mit  seinen Kumpels begonnen hat, die Freeride-Trails in die Wälder zu bauen.
Zuerst wurden sie als Spinner verspottet, doch sie ließen sich nicht beirren, und bauten immer mehr Trails. Heute können sie stolz auf ein weitverzweigtes und top-gepflegtes Streckennetz blicken. „Sag mal Enrico,“ frage ich ihn, „wie oft bist du die Strecken schon runter gefahren?“ „Unzählige Male,“ erwidert dieser, „manchmal, wenn ich die Berge herunter fahre, habe ich das Gefühl, die Bäume drehen sich um und rufen mir zu: Ciao Enrico!

In Richtung Wasser werden Enricos Freunde, die Bäume, immer lichter und der Waldboden weicht einem steinigen, felsigen Untergrund. Die Vegetation wird dünner, Gardasee-Feeling macht sich breit. Überhaupt kann es Finale durchaus mit dem Topspot aufnehmen: 100 Kilometer Singletrails dürften selbst die Anspruchsvollsten begeistern; dazu bietet Ligurien eine zauberhafte Landschaft, nette Menschen und ein Top-Klima. Cannes und Genua sind jeweils nur eine Stunde entfernt - beide Städte verfügen über Flughäfen und sind auch für einen Ausflug zu empfehlen. Bei Mountainbikern gilt Finale Ligure seit längerem als Geheimtipp, zwar hat das kleine Küstenstädtchen dem Gardasee noch nicht den Rang abgelaufen, dafür kann man in den Bergen aber ohne Probleme stundenlang cruisen, ohne auf eine Menschenseele zu treffen.

Die letzte Abfahrt bringt uns am Abend ans Wasser - nach Finale Marina, sozusagen dem Strandbad des Ortes. Dort resümieren wir bei einem gepflegten Cappuchino über diesen hervorragenden Tag. Nur vier Mal mussten wir mit dem Bus geshuttlet werden, den Rest des Tages haben wir es downhill krachen lassen.
Wir haben eine Menge Meter gemacht, und jeder Meter steigerte unseren Appetit auf mehr. Enrico drängt uns geradezu, ihm zu versprechen, im nächsten Jahr wiederkommen. Wir schwören es bei unserer Pfadfinderehre.

Den Transfer zurück zum Flughafen übernimmt nicht etwa Salvatore, sondern eine etwa 70-jährige rüstige Oma. Irgendwie scheint sie mit Salvatore verwandt zu sein, sie erwähnt ständig seinen Namen, mehr verstehen wir allerdings nicht. Denn auch sie spricht nur Italienisch. Das hält sie aber nicht davon ab, uns ohne Unterbrechung ihre gesamte Lebensgeschichte aufzutischen. Bis zum Flughafen redet sie auf uns ein, ohne dass wir auch nur ein Wort verstehen oder sagen. 2,5 Stunden müssen wir diesen italienischen Monolog über uns ergehen lassen, so lange braucht sie für die Strecke - mehr als doppelt so lange also wie Salvatore auf dem Hinweg. Wir nehmen es gelassen, auch wenn wir aufgrund des schneckengleichen Tempos in unserem Wagen hin und wieder blöde angeglotzt werden. Wir sind erschöpft und glücklich über unsere gelungene Tour und ignorieren jede Huperei. Wahrscheinlich ist es eh nur Salvatore, der mal wieder dringend irgendwo hin muss...

*Name von der Redaktion geändert

Überblich Finale Ligure:

  • Finale Ligure liegt an der ligurischen Küste, ca. 60 Kilomter südlich von Genua. Der landschaftlich reizvolle Küstenabschnitt wird auch Palmenriviera genannt. Nur wenige Kilometer landeinwärts erreichen die Berge bereits Höhen von über 1.000 Metern. Das Klima ist ganzjährig mild, im Winter ist es selten kälter als 10°C, im Sommer maximal 30°C warm. Beste Reisezeit:  April bis Oktober. Informationen zur Region und ausgewählte Herbergen findet ihr unter: promofinale, outdooriviera
  • Um die genialen Trails rund um Finale zu finden, sollte man sich unbedingt einen Guide nehmen. Manche Strecken sind so versteckt, dass man sie ohne Hilfe kaum entdeckt. Erste Adresse ist hierfür „Finale Ligure Freeride“. Für  € 25,- bis € 35,- fahren euch die bikeverrückten Locals einen Tag lang so oft ihr wollt per Shuttlebus den Berg hinauf; die Guides zeigen euch die geheimen Trails. Im Internet unter finalefreeride zu finden. Weiter Touren gibt es unter: rivieraoutdoor, alpidelmaarefreeride
  • Jedes Jahr findet in Finale Ligure das beliebte Marathonrennen „24 h of Finale“ statt. (siehe auch pedaliéro 4/2006). Anmeldung und Informationen zum Rennen unter 24h of Finale.
  • Ausführliche Tourenbeschreibungen bietet das Buch "Blu Bike - Free Biking a Finale Ligure", das Karten, Höhendiagrammen und Tourlängen für Freerider, CrossCountry-Piloten und auch Rennradfahrer bietet. Zudem gibt es viele Infos über den Anteil an Teerstrassen, Schotterwegen und Singletrails. Eine gute Basis also, um die Region eigenständig zu erkunden. Zu bestellen gibt es die feine Lektüre unter Mediabanx. Kostenpunkt: € 25,-.

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