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Barcelona, Mailand, Genf? Egal. Hauptsache London!

Outdoor und Sport
anita
von Dethleffs

Barcelona, Mailand, Genf? Egal. Hauptsache London!

Ein Reisebericht von Hanns Gröner über eine wunderbare Reise mit dem Wohnmobil nach England ...

"Ich würde gern nach London". Das war die Antwort meiner Frau auf die Frage wohin wir denn fahren wollen mit unserem geliehenen Wohnmobil. Über Ostern. 2017. Die Kinder wollten nach Barcelona. Mir war das zu weit, aber auch mich zog es in den Süden. Die Wettervorhersage für Genf, Mailand und Toskana war gut (20 Grad, sonnig). Und dann London! So weit. Die teure Fähre. Der Linksverkehr. Die engen Straßen. Gründe genug für ein entschlossenes "Nein". Aber für ein kleines Reiseabenteuer bin ich eigentlich immer zu haben und als erfahrener Vater weiß man: Geht es Frau und Kindern gut, ist das nicht zum Schaden für den Vater. Was soll man da noch viel über ein paar Kilometer mehr oder weniger nachdenken ...

London wir kommen!

Über ein Wohnmobil-Forum in Facebook habe ich den Tipp "die Autobahn über Belgien nach Dünkirchen und von dort in knapp 90 Minuten nach Dover" bekommen. Bislang kannte ich nur Calais-Dover - und Calais war mir wegen der letzten Schlagzeilen eher suspekt. Dünkirchen klang gut. Also mal nachgefragt, was eine Fähre denn kostet. Preis: ca. 160 Euro für 2 Erwachsene, 2 Kinder und ein Wohnmobil. Hin- und zurück mit DFDS (Name der Reederei). Das scheint mir ok zu sein. Wer früher bucht, zahlt weniger. Aber das hilft jetzt nicht. Ostern steht schließlich vor der Tür. Also, es ist bereits Donnerstag, buche ich noch schnell die Fähre für Freitag, 18 Uhr. Die Schiffe fahren alle zwei Stunden. Die Beratung am Telefon ist sehr freundlich und die Buchung prompt und problemlos. Eine Bestätigung erhalte ich per Email (unbedingt ausdrucken!).

Von München fahren wir nach Isny (im Allgäu). Dort holen wir unser Reisemobil bei McRent. Es ist ein vollintegrierter Dethleffs Globebus I006 GT. Tolles Ding! Richtig viel Platz im Innenraum, Kofferraum, Waschraum und rund um das Cockpit.

Gleich in der Nähe gibt es zwei größere Lebensmittelläden. Hier decken wir uns ein mit Proviant und füllen den großzügig bemessenen Kühlschrank mit "heimischen Leckereien" um die nächsten Tage über die Runden zu kommen. Platz ohne Ende! Einfach toll. Und los geht's ...

Wir fahren die "Standardroute" über Memmingen, Ulm, Karlsruhe, Mannheim, Koblenz, Köln nach Aachen und von hier weiter durch Belgien nach Dünkirchen. Bei Mainz verlassen wir die Autobahn und übernachten in einem sympathisch anmutenden Örtchen nahe der Ausfahrt. Geschlafen wird in zwei Längsbetten im Heck (die sich mit wenigen Handgriffen in eine große Schlaflandschaft erweitern lassen) sowie im Hubbett direkt über dem Cockpit.

Wir erreichen Dünkirchen und fahren durch die nahegelegenen, riesengroße Hafenanlage zum Fährterminal ( Info zur Anfahrt). Wir sind die einzigen am Check-in Schalter. Hier legen wir das Ticket vor und fahren weiter zu den beiden Grenzstationen zur Ausreise aus Frankreich und Einreise nach England). Von hier geht es weiter in den Wartebereich wo wir etwa 1 Stunde auf die Einschiffung warten. Zeit die Bordküche in Betrieb zu nehmen.

Kurz nach halb sechs fahren wir auf's Schiff. Wir sind eine der ersten und fahren durch den "Bauch" bis zum Heck wo wir das Wohnmobil zwischen LKW und Motorrädern abstellen. Das Fahrzeug müssen wir verlassen. So gehen wir an Deck und genießen die Aussicht - bis das Schiff abgelegt hat und uns der Wind im wahrsten Sinne des Wortes hören und sehen vergehen lässt. An Bord gibt es Bars, Restaurants, einen Shop, Spielautomaten und eine Wechselstube. Also alles was man so braucht … Ähnlich wie in einem Kaffee oder Restaurant kann man an großen Fenstern die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen.

Das Schiff fährt bei mäßiger See ruhig vor sich hin. Nach einer guten Dreiviertelstunde erscheinen am Horizont die weißen Klippen von Dover.

Great! Die Spannung steigt. Bald sind wir in England (Linksverkehr, enge Straßen, Dauerregen, das berühmte Essen … ). Einfach "toll" diese Klischees und Vorurteile. Dover erscheint eher klein und übersichtlich. Keine riesengroße Hafenstadt wie etwa Genau oder Neapel. Von weitem erkennt man die Burg. Ansonsten ganz viel Hafen. Und Klippen.

Anlegemanöver und Ausschiffung gehen zügig vonstatten. Kaum haben wir den Motor angelassen heißt es auch schon aufgepasst: Linksverkehr! Ich hatte das schon einmal vor gut 15 Jahren in Südafrika. Schon damals war die Umstellung kein Problem und auch diesmal fühle ich mich nicht unwohl. Man muss sich nur ein wenig mehr konzentrieren. Wir wollen nur noch wenige Kilometer fahren und suchen ganz in der Nähe der Klippen einen Campingplatz. Nette Autofahren, die extra nachfragen, ob wir uns verfahren haben, erklären und hilfsbereit den Weg. Wir übernachten in " Hawthorn Farm" in der Zone für "late arrivals" (spät ankommende) vor der Schranke. Rund um den Ort gibt es Wiesen, Weiden und viele Schafe. Alles erscheint ruhig und entspannt.

Am nächsten Morgen genießen wir unser erstes Englisches Frühstück. Handmade von den guten Feen der Campingplatz-Küche. Gemütlich hier. Aber wir haben ja noch größeres vor. Also bezahlen wir für die Nacht an der Kasse nebenan und los geht's: auf nach London.

Im Süden von London recherchieren (sprich google'n) wir zwei Campingplatze: Abbey Wood Caravan Club Site und Crystal Palace Caravan Club Site. Beide gehören zum "Caravan and Motorhome Club". Wir wollen zum "Abbey Wood" (scheint gut zu liegen und wird im Internet etwas besser bewertet) aber dieser ist - zum Glück rufen wir vorher dort an - leider belegt. Aber auf dem Crystal Palace Caravan Club Site bekommen wir noch einen Platz. Und das Navi (die Karten-App meines iPhones) navigiert uns routiniert ans Ziel.

Wir kommen am frühen Nachmittag in Crystal Palace an. Nach dem Check-in erledigen wir die wichtigsten "Versorgungsaufgaben" (frisches Wasser rein, altes Wasser raus, Toilette entleeren) und fahren auf den uns zugewiesenen Stellplatz. Der Platz befindet sich in einer angenehmen gründen parkähnlichen Anlagen. Es gibt ein Waschhaus (sauber, gut beheizt) mit Versorgungsstation etwa in der Mitte des Platzes. Alles ist ruhig; touristische Angebote (Restaurants, Animation, Pool, Sportmöglichkeiten etc.) gibt es nicht. Dafür ist der Preis nicht gerade niedrig (ca. 50 Pfund pro Tag; Club Mitglieder erhalten Ermäßigung aber die Mitgliedschaft rechnet sich erst bei einem längeren Aufenthalt auf Club-eigenen Plätzen).

Es ist Nachmittag und uns zieht es in die City. Nahe der Bushaltestelle (Endstation Crystal Palace) kaufen wir uns Bustickets ( mehr zur Oyster Card) und fahren in die Stadt. Meine Frau empfiehlt die "Oxford Street". Wir haben Glück - die Linie 3 fährt uns bis zum Piccadilly Circus. Von hier sind es nur ein paar 100 Meter bis zum Oxford Circus und der Oxford Street. Wir waren zwar beide schon mal hier aber sind schwer beeindruckt. London ist einfach Weltstadt. Alles eine Dimension größer. Die Straßen, die Gebäude, die Shops. Die ganze Stadt. Einfach genial hier zu sein.

Wir geben den Kindern nach und lassen sie das Programm gestalten: Apple-Shop (riesig), Nike-Shop (riesig) usw. Das war eine gute Entscheidung - denn der Bedarf ist interessanterweise schnell gestillt. Wir laufen vorbei an "urigen" Pubs und erreichen die Carnaby Street. Hier ist alles klein und kreativ. Auch toll. Hier kann man viel Zeit verbringen aber es wird inzwischen dunkel und die Läden haben zum Teil schon geschlossen. So ist in der freien Marktwirtschaft - jeder öffnet und schließt wann er möchte. Kein einheitlicher Ladenschluss - nicht mal in der City. Am Ende der Carnaby Street erreichen wir den Piccadilly Circus. Hier steigen in "unseren" Bus (Linie 3) und fahren zurück zum Camping Platz. Erster Eindruck der Stadt: einfach nur wow! Und viele Lust auf Mehr!

Die nächsten drei Tage haben wir ausgiebig Zeit zur Stadtbesichtigung. Buckingham Palace, Big Ben, Westminster Palace, Westminster Abbey, das London Eye, Trafalgar Square, St. Paul's Cathedral, Tower und Tower Bridge um die bekanntesten zu nennen. Am Ostermontag fahren wir nach Greenwich zum Observatorium und besuchen die Märkte dort in Greenwich sowie in Camden. Am letzten Tag stehen Hyde Park und die Oxford Street auf dem Programm. Hier findet Ihr einen ausführlichen Beitrag zum Thema Sightseeing in London.

Nach dem dritten Tag in London und kilometerlangen Spaziergängen sind wir, zugegebenermaßen, etwas erschöpft und freuen uns einfach auf unsere Betten im Wohnmobil. Dort ist es angenehm warm und gemütlich (auch bei Außentemperaturen zwischen 5 und 10 Grad). Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, machen uns und das Reisemobil startklar: Frischwasser auftanken, Altwasser ablassen, Toilette entleeren (das Foto entstand kurz nach der Ankunft).

Kurz nach 7 fahren wir durch schöne Londoner Vororte in Richtung Autobahn. Nach einer kurzen Kaffeepause an einer Autobahnraststätte fahren wir weiter nach Dover und erreichen gegen 11 Uhr den Fährhafen.

Wie schon bei der Hinfahrt funktionieren sowohl die Abfertigung, Grenzkontrolle als auch die Einschiffung problemlos und zügig. Um 12 Uhr legen wir mit der Fähre ( DFDS) ab und erreichen nach etwa 90 Minuten Dünkirchen.

Hier suchen wir einen Campingplatz um noch ein wenig das schöne (aber kühle) Wetter an der Nordsee zu genießen. Wir übernachten auf dem Camping Club Perroquet direkt an der Grenze zu Belgien.

Es ist um diese Jahreszeit recht kalt hier. Der Platz ist - anders als der Caravan Club in London - eher für den Sommerurlaub ausgelegt und nur mit unbeheizten Duschräumen ausgestattet. Das Duschen kostet außerdem extra (kein Problem, aber die kalten Räume muss man schon mögen).

Am nächsten Morgen fahren wir weiter durch Belgien vorbei an weidenden Rindern, Brügge, Gent, Brüssel und Aachen nach Köln. Hier suchen wir ein Erlebnisbad vor dem wir "unsere Zelte aufschlagen" können. Allerdings ist der Parkplatz eher von Bäumen und Sträuchern umzäunt und wir entscheiden uns gegen eine Übernachtung hier am Bad. In mehreren Foren wird eher abgeraten in Köln frei zu stehen. Zur Enttäuschung der Kinder (klar wollten sie lieber ins Erlebnisbad) fahren wir weiter zum Campingplatz der Stadt Köln im Süden der Stadt.

Am nächsten Morgen fahren wir ins Zentrum zum Dom und müssen hier (leider) erkennen, wie sich die Stadt und ihre Polizei rüstet für einen Parteitag der AfD. Die Lage erscheint schwer einschätzbar aber nicht sehr freundlich.

So halten wir unseren Besuch kurz und fahren vorbei an Frankfurt, Karlsruhe und Stuttgart nach Filderstadt. Was ist ein Urlaub ohne Baden? Also haben wir, Google sei Dank, noch ein Erlebnisbad relativ nah an unserem Zielort Isny gefunden: das Fildorado in Filderstadt südlich des Stuttgarter Flughafens. Hier, vor dem Eingang zum Hallenbad, verbringen wir die letzte Nacht unserer traumhaft schönen Reise.

Am nächsten Tag legen wir die letzten knapp 200 Kilometer unserer Reise zurück und bringen unseren treuen Begleiter, den Globebus I006 GT, zurück zu seinen Eigentümern in Isny.

Fazit:
Ein Städtetripp mit einem Wohnmobil besteht für mich aus zwei wesentlichen Elementen: zum einen die Erlebnisse in der besuchten Stadt an sich und, zum anderen, die Erfahrungen auf der Reise dorthin. Für beides sollte man genügend Zeit einplanen. Ostern in London war traumhaft! Die gewonnen Eindrücke werden wir für immer in uns tragen. Und auch die Fahrt dorthin (und zurück) ist weit mehr als nur die Wegstrecke zwischen Heimat und Reiseziel. Der Weg ist vielmehr ein wesentlicher Teil des Ziels. Ich würde die Fahrt über den Ärmelkanal genauso wenig missen wollen wie die Ankunft und Übernachtung bei Dover.

Ausführliche Berichte zu den einzelnen Etappen findet Ihr hier:
Link zu Teil 1 - die Hinfahrt
Link zu Teil 2 - Ankunft in London
Link zu Teil 3 (1) - Sightseeing Buckingham Palace & Tower Bridge
Link zu Teil 3 (2) - Sightseeing Greenwich & Camden
Link zu Teil 3 (3) - Sightseeing Rund um Big Ben
Link zu Teil 4 - die Rückfahrt

Zahlen und Daten:

  • Fahrzeug: Dethleffs Globebus I 006 GT
  • Gefahrene Kilometer: 2.235
  • Durchschnittsverbrauch (lt. Bordcomputer): 10,2 Liter Diesel
  • Fahrzeit: ca. 33,5 Stunden
  • Besuchte Länder: Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien

Dank:
Wir bedanken uns bei den Firmen Dethleffs und DFDS für die freundliche Unterstützung.