Albanien: Eine Reise in eine andere Welt

geschrieben am 31.07.2014, von Dethleffs Dethleffs Destinationen Aktiv Entdecken Ratgeber Caravan & Reisemobil

Albanien und Freeriden. Zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht gut zueinander passen. Auf den zweiten Blick sieht die Sache schon anders aus: Das Valbona Tal mit seinen bis zu 2.700 Meter hohen Gipfeln gehört zu den noch unentdeckten Schätzen in Europas Skiszene.

Mit dem Advantage on tour – Wintertauglichkeit at its best! Ein Erlebnisbericht von E. Walkner

„Es ist Zeit umzukehren“, meint Martin „McFly“ Winkler. Immer öfter hören wir die grollenden Geräusche, die sich um uns auftun. Der Tag hat seinen Lauf genommen und die Berge rund um das Valbona Tal haben uns zu verstehen gegeben, dass es für heute genug ist. Wir packen unsere Felle in die Rucksäcke und schnallen uns die Ski an. In weiten Bögen geht es jetzt die schneebedeckten Hänge Richtung Tal herab, das so verlassen 1000 Höhenmeter weiter unten auf uns wartet. Wir haben das gefunden, worauf wir seit gut einer Woche gewartet und was wir gesucht haben: hohe Berge, steile Couloirs und Schnee, ja sogar 20 Zentimeter frischen Powder hat uns Frau Holle beschert.

Unser Abenteuer hat eigentlich im Internet angefangen. Durch Zufall fanden Eva Walkner, Martin McFly Winkler und ich diese Fotos von schneebedeckten Bergen in Albanien und Serbien. „Dort müssen wir hin“, schoss es gleich in unsere Köpfe. Da war es dann schon ein glücklicher Zufall, dass es in der Balkanregion letzten Winter Jahrhundertschneefälle gehabt hat. Dörfer waren tagelang eingeschneit und die vielen Lawinen legten zum Teil ganze Regionen lahm. So hieß es für uns zunächst einmal warten! Ende März war es dann soweit, wir packten unseren Dethleffs-Camper und fuhren los, ohne Ziel und Plan. Das einzige was wir wollten waren fette Lines und massenhaft frischen Powder.

„Es sind noch nicht viele Skifahrer hier gewesen“, erklärt uns Catherine nach unserer Ankunft. Sie hat, genauso wie uns, das Schicksal in das Valbona-Tal geführt. Vom modernen NewYork aus fuhr sie in das einsame Tal, um Urlaub zu machen. Das war vor drei Jahren, bis heute ist sie geblieben. Gemeinsam mit Alfred betreibt sie eine kleine Wirtschaft im Tal und vermietet Zimmer. „Ja, im Sommer kommen schon einige Wanderer hierher, auch aus dem Ausland, aber im Winter verirren sich nur wenige Leute nach Valbona“, erzählen uns beide. Vielleicht liegt es an dem schroffen Fahrweg, vielleicht an den regelmäßigen Stromausfällen, eines ist jedoch sofort klar: Wer den ordinären Wintertourismus sucht ist hier fehl am Platz. Das Valbona-Tal war schon immer ein Ort für Abenteuer. Banditen sollen hier lange ihr Unwesen getrieben haben und auch die Blutrache soll noch heute vorkommen. Ob das Gerüchte sind oder die harte Realität in den albanischen Bergen, wir werden es – Gott sei dank – nie erfahren.

Wir sind hunderte Kilometer gefahren auf der Suche nach dem weißen Gold – dem Schnee, der bei uns zu Hause in Massen liegt. Aber darum geht nicht. Wir wollen das Abenteuer erleben, neue Länder bereisen und Kulturen kennenlernen. So führt uns der Weg zunächst nach Stara Planina, ein Skigebiet in Serbien an der Grenze zu Bulgarien. Schon bald wird uns klar, dass wir hier noch nicht am Ziel unserer Reise sind. Der Regen hat den Schnee weggeschmolzen und die flachen Hügel sind mehr grün als weiß. Nein, das sollte nicht die Endstation sein. Die Bilder von den weißen Gipfeln schwirren noch immer in unseren Köpfen herum.

Valbona, hier glauben wir unser Glück zu finden. Das Tal liegt im Norden von Albanien, gleich an der Grenze zum Kosovo und Montenegro. Die Bergregion gehört zu den ärmsten Gebieten in einem der ärmsten Länder Europas. Nicht gerade der beste Platz um dort Ski zu fahren. Doch die Malesi, so heißen die Einheimischen in der Region, haben ihre Schätze erkannt: Die einsamen Täler, die Bergseen, die luftigen Gipfel und dunkelgrünen Wälder. Genügend Gründe um dorthin zu fahren. Auch für uns! So machen wir uns auf den Weg.

Kosovo, ja oder nein!?! Diese Frage stellen wir uns immer wieder. Denn um in das Tal in Albanien zu kommen müssen wir entweder quer durch die Krisenregion fahren , oder einen Umweg von mindestens sechs Stunden in Kauf nehmen. Wir entscheiden uns für die kürzere Variante. Doch schon beim Grenzübergang kommen die ersten Zweifel auf. Der Grenzposten selbst war eigentlich nicht zu sehen, meterhohe Betonmauern mit gefährlichem Stacheldrahtzaun riegeln den Posten hermetisch von der Umgebung ab. Wir werden von drei Soldaten empfangen, die mit Maschinengewehre bewaffnet sind und mit ihren Tarnklamotten nicht gerade einladend wirken. „Guten tach“, empfängt uns der Kleinste von den Dreien. Zum Glück sind es deutsche KFOR-Soldaten, die uns einige Informationen zur Durchreise mitgeben. Eigentlich sollte es für uns keine Gefahren geben, wir müssten nur in Mitrovica aufpassen, da mehrere Straßensperren den Verkehr behindern.

Wir treten kräftig in das Gaspedal und machen uns auf um unser Ziel endlich zu erreichen. Nach sechs Stunden Fahrt durch den Kosovo ist es dann soweit. Wir können am Horizont die ersten weißen Bergrücken erkennen. „Es hat geschneit“, ist der kurze Kommentar von McFly. Ja, es sieht so aus als ob der Winter in die Region zurückgekehrt ist. Wir sind unserem Ziel so nah und auch doch so fern. Es liegt noch der schroffe Schotterweg zwischen uns und den Bergen, eigentlich nur 15 Kilometer lang, doch durch die vielen Murenabgänge liegen immer wieder große Steine auf der Straße, die uns zum Halten zwingen. Das Tal hat nur ungefähr 150 Einwohner, die meisten sind Selbstversorger und kommen nur selten in die nahe gelegene Stadt Bajram Curri. Im Winter sind die Bewohner regelmäßig durch Lawinen und Schneefälle von der Umwelt abgeschnitten. So ist es keine Seltenheit, dass sie ein Monat lang das Haus nur schwer verlassen können.

Wir machen uns gleich daran, die erste Aufstiegsroute zu erkunden. Lifte findet man hier nicht, so bleibt uns nur der Weg mit Ski und Felle um die Gipfel zu erklimmen. „Was wohl passiert wenn wir Hilfe brauchen?“, schießt mir durch den Kopf. Wir sind hier am Ende der Welt angelangt, „and it feels good!“ Unser erster Gipfel war schnell ausgewählt: Der 2600 Meter hohe „Maja Griuke Hapt“.

Am nächsten Morgen starten wir zu Sonnenaufgang unsere Tour. Es hat noch einmal geschneit in der Nacht. Wir nehmen das Willkommensgeschenk dankend an und machen uns die ersten Meter durch die Wälder auf den Weg Richtung Gipfel. So früh am Morgen liegt noch eine dicke Nebelschicht im Tal und so können wir nur spärlich die Berge um uns herum erkennen. Eine halbe Stunde später durchbrechen wir endlich die Nebelschicht und es tut sich ein alpines Paradies auf. Die steilen Felswände und die vielen Couloirs begrüßen uns mit einem Licht- Schattenspiel und die Schneekristalle, die im Sonnenschein glitzern, tun ihres zu dem einmaligen Panorama dazu. Motiviert durch die Rundumsicht legen wir noch einmal einen Zahn zu. Wir sind schon spät dran und wir können die ersten Lawinen hören, die sich durch die Erwärmung an den Südhängen lockern. Wir ziehen mit unseren Skiern Serpentine für Serpentine in den Schnee. Die Landschaft wird immer alpiner und schließlich lassen wir die Baumgrenze hinter uns. Zur Linken tut sich eine mehrere hundert Meter hohe Felswand empor und zu rechter Hand können wir einige Couloirs entdecken, die geradezu warten entjungfert zu werden. Auf der anderen Seite des Tales liegt derhöchste Berg in der Region: Der 2694 Meter hohe „Maja e Jezerce“.

Wie schon gesagt, die Zeit ist uns leider davon gelaufen. Und nachdem der Berg mit uns gesprochen und uns durch mehrere Lawinenangänge gleich vor unseren Augen gewarnt hat, beschließen wir umzukehren. Unten angekommen genießen wir in unseren Hängematten liegend die restlichen Sonnenstrahlen des Tages. Kein Autolärm, kein Skilift der uns stört und keine Apres-Ski-Bar in der Nähe – nur die Natur die zu uns spricht, die Vögel die den Frühling herbeizwitschern und der nahegelegene Bach, der uns mit seinem Rauschen in den Schlaf wiegt. So muss es gewesen sein, bei uns zu Hause vor 100 Jahren.

Leider spielt das Wetter in den letzten beiden Tagen nicht mit und wir müssen das Tal verlassen, ohne eine weitere Skitour zu gehen. Was wir mitnehmen sind neue Freundschaften und Erlebnisse aus einem der ärmsten Länder in Europa, das bei genauerem Hinsehen viel Schätze verbirgt, die in Geld nicht aufzuwiegen sind.

Info:

Lage: Valbona liegt im Norden von Albanien an der Grenze zu Montenegro und Kosovo. Die Region ist nur spärlich besiedelt und schwer zu erreichen. Die nächste große Stadt ist Bajram Curri am Eingang zum Valbona-Tal.

Anreise: Mit dem Auto fährt man entweder über Zagreb und Belgrad und durch den Kosovo (Achtung: Auto-Versicherung abschließen) nach Bajram Curri (München- Bajram Curri 1500 Kilometer). Oder man nimmt die landschaftlich schönere Strecke über Zadar und Dubrovnik (1450 Kilometer). Mit dem Flugzeug fliegt man am einfachsten in die Hauptstadt Tirana und dann mit dem Mietauto weiter nach Valbona.

Einreise: EU Bürger brauchen kein Visum, einzig die grüne Versicherungskarte für das Auto ist vorzuzeigen.

Beste Reisezeit: Von Jänner bis April ist die beste Zeit um zum Freeriden nach Valbona zu fahren.

Sicherheit: Albanien gilt als sicheres Land, besonders die Leute in Valbona sind sehr gastfreundlich und laden Fremde gerne auf eine Tasse Cafe ein.

Alpine Gefahren: Es gibt keine Infrastruktur im Tal, das heißt schon eine kleine Verletzung kann zu einem lebensbedrohenden Problem werden. Man sollte bei der Tourenplanung darauf Rücksicht nehmen und ausreichend Medikamente und Erste Hilfe Ausrüstung mitnehmen.

Guiding und allgemeine Infos: Gent Mati ist Eigentümer von Outdoor Albania. Er organisiert sowohl im Sommer als auch im Winter Touren durch die Berge von Valbona und ist auch für allgemeine Fragen der richtige Ansprechpartner. Telefon: +355 (0) 42 227 121. www.outdooralbania.com.

Allgemeine Infos zur Region und Unterkunft: Die Seite www.journeytovalbona.com beinhaltet viele wichtige Informationen zum Tal und seiner Geschichte. Es werden auch Kontakte zu Hotels, Campingmöglichkeiten und private Zimmer angegeben.

Literatur: Lonely Planet: Western Balkans travel guide, 19,95.- Euro.

Albanien Reiseführer: Das komplette Reisehandbuch, Volker Grundmann, ISBN-10:3861122936, 19,90.- Euro

Kommentare